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Plurikulturalität in Thailand : Die Umdeutung von Babel

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Dort reibe ich mich mit zunehmendem Widerwillen an der Kultur des „Mittelfinger-ist-der-neue-Handkuss“, wie Adriano Sack es nennt: „Die Grundstimmung ist aggressiv, jeder fühlt sich permanent benachteiligt oder angegriffen, es wird geschimpft oder gleich verklagt.“ Nicht so in Thailand. Auf Märkten und in Straßenküchen kann ich loslassen. Es sind dann eben doch das Lächeln und das exakt herausgegebene Restgeld, die mir dort auf Schritt und Tritt begegnen und ein Gefühl von Vertrauen vermitteln. Das empfinde ich als Seltenheit – nicht nur in Europa, sondern auch an vielen von Touristen belagerten Orten der Welt.

„Vielleicht machst du da als Farang besondere Erfahrungen.“ Veeraporn Nitiprapha lächelt mich verschmitzt an. Hätte ich ihr doch besser nicht erzählt, wie ich kürzlich in einem Massagesalon um die Ecke in einen Hinterraum mit roten Lämpchen hineinstolperte. Schwere Vorhänge trennten die Liegen voneinander ab. Über dem Kopf hing eine Aufschrift in Englisch: „Bitte bleiben Sie leise. Stören Sie die anderen Kunden nicht.“

Viele stillen ihren Voyeurismus

„Das hat uns der Vietnamkrieg eingebrockt“, erläutert Nitiprapha: „Damals machten amerikanische Soldaten Urlaub in Thailand. Irgendeine kluge Frau überlegte, wie man ihnen zu rascher Entspannung verhelfen könnte. Die GIs bleiben heute aus, aber das Happy End hat sich gut etabliert.“ Der berüchtigte Sextourismus nimmt im Bangkoker Stadtbild aber nicht viel Raum ein. Es sind ein paar Gassen mit Klubs, auf gerade mal drei Stadtviertel verteilt. Viele stillen dort bloß ihren Voyeurismus. Sie schlürfen ein Bier am Tresen und verziehen sich gleich wieder. An den Straßenecken halten Touristenpärchen an, flüstern aufgeregt, nehmen sich an die Hand und spazieren hinein. Oder sie kehren wieder um.

Natürlich gibt es in Bangkok Zwangsprostitution und die üblichen Verdächtigen rund um käuflichen Sex. Auch mag es ekelhaft wirken, die angetrunkenen bauchigen Männer mit (zumeist) jungen Frauen oder Ladyboys für eine Handvoll Baht knutschen zu sehen. Aber es kann auch anders kommen: „Wenn eine Frau in ihrem Heimatdorf zu Besuch ist und von ihrem frisch vermählten Farang-Ehemann erzählt“, erläutert Nitiprapha, „rennen gleich andere zu ihr: Hat dein Auserwählter nicht vielleicht einen Kumpel für mich?“

Sex gehört ins Mittendrin. Er muss nicht mit Scham behaftet sein und hinter geschlossene Fenster und Türen verbannt werden, belegt mit unzähligen Restriktionen. Er kann zum Beispiel zum Teil einer Massage werden, beiläufig nach dem Einkauf in der Mall. Danach sind dann wieder die Schultern dran. Der Übergang ist fließend. Anil Bhatti, ein scharfsinniger Literatur- und Kulturwissenschaftler aus Bielefeld und Neu-Delhi, schreibt von „der Unschärfe, den fließenden Grenzen, Nuancen, Fuzzyness und Vagheit“, die „aufgewertet und begrifflich mit einer polyvalenten Sprache erfasst“ werden können.

Man fühlt hier keinen Widerspruch

Thomas Bauer, ein Kollege von Bhatti aus Münster, führt aus, was das konkret bedeuten kann. In seinem jüngst erschienenen Essay „Die Vereindeutigung der Welt“ untersucht er unter anderem das menschliche Sexualverhalten. Erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts habe man in Europa damit begonnen, Sexualität als Teil der menschlichen Identität anzusehen. Identität sollte helfen, das eigene Tun gegenüber sich selbst und den anderen zu rechtfertigen. Seitdem ist die Vagheit auf dem Rückzug. Das hat aber Folgen. Bauer argumentiert mit Zülfikar Çetin: „Ohne klare Identifizierung wären für Menschen Räume offen, ihre Nähe und Intimität situationsgemäß und im gemeinsamen Miteinander zu entwickeln.“

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