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Platon Lebedew frei : Dem Druck des Gefängnisses standhalten

  • -Aktualisiert am

Begegnung am Moskauer Amtsgericht im Jahr 2009: Michail Chodorkowskj (links) und Roman Lebedew, der nun freigekommen ist. Bild: dpa

Dass Russland seine Besten ins Straflager sperrt und sie so zu Märtyrern der Freiheit macht, hat seit Dostojewski Tradition. Platon Lebedew, der Geschäftspartner Chodorkowskjs, wurde nach elf Jahren Haft jetzt zu entlassen.

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          Endlich kommt jetzt auch der letzte des Quartetts der international prominentesten russischen Strafgefangenen frei: Platon Lebedew, Michail Chodorkowskjs Geschäftspartner, der am längsten, beinahe elf Jahre, hinter Gittern zubrachte, wurde nach diesem und dem Pussy-Riot-Duo ebenfalls amnestiert und wartet in der nordrussischen Strafkolonie Welsk, wo er die letzte Zeit einsaß, auf seine Papiere.

          Dass Russland außer Verbrechern auch seine Besten ins Gefängnis sperrt, hat seit Dostojewski und Tschernyschewski Tradition. Die Sowjetmacht eliminierte Eliten systematisch. So entstand eine Art umgekehrte, kryptochristliche Aristokratie derer, die wie Solschenizyn oder Schalamow das Martyrium ungerechter Haft überstanden und physisch, psychisch und moralisch nicht zerbrachen.

          Von Anna Achmatowa stammt der Satz, Russlands Straforgane besorgten einem die Biographie. Die Tradition, dass diese Kultur großartige Leiderfahrungen hervorbringt, produktive Leistungen aber eher abwürgt, reißt nicht ab.

          Chodorkowskjs und Lebedews Ölfirma Yukos, deren Effektivität wegweisend war und unerreicht blieb, wurde zerschlagen. Dafür bestanden beide Männer Härteprüfungen, an denen die meisten Westeuropäer zerbrochen wären. Wer beim Prozess gegen sie gesehen hat, mit welcher Klarheit, Detailkenntnis, Ausdauer insbesondere Lebedew tagaus, tagein absurde Anklagepunkte widerlegte, wird das nicht vergessen.

          Wie es ist, zehn Lebensjahre eingesperrt zu sein, um die Leute draußen einzuschüchtern und fügsam zu machen, dabei nicht zu wissen, ob man je wieder freikommt, davon können die beiden ihren Enkeln erzählen - sofern man von dieser teuer bezahlten, menschlich-existentiellen Erfahrung, wie von einem Krieg, überhaupt erzählen kann. Die Abschreckung aber muss weitergehen. Deswegen fordert die Staatsanwaltschaft jetzt für diejenigen Demonstranten vom Bolotnajaplatz, die nicht amnestiert wurden, fünf bis sieben Jahre Haft.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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