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Kommentar zur Landesbibliothek : Lesen Sie doch bitte woanders!

  • -Aktualisiert am

Hier soll die neue Landesbibliothek angeblich hin - neben die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor. Bild: dpa

Ein paar Stunden freute sich Berlin über eine gute Nachricht: Die Landesbibliothek in Kreuzberg werde gebaut, hieß es. Dann kam heraus, wie lange es noch dauert. Glaubt jemand, dass damit wirklich je begonnen wird?

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          Wenn der Berliner Senat etwas beschließt, ist eigentlich immer Vorsicht angesagt. Darum: Es soll beschlossen worden sein, die (dringend benötigte) neue Landesbibliothek in Kreuzberg neben die Amerika-Gedenkbibliothek zu bauen. Pflichtschuldigst brach fast sofort der Jubel aus in den städtischen Medien, der erst gegen Abend etwas gedämpft wurde, weil es, wie es nun hieß, „doch etwas länger dauern“ könnte. Was sich bestätigte: Vor 2026 fangen die nicht an.

          Bis dahin kann der nächste Winter im Ostteil der Stadt, in der einen Hälfte der zu engen Bibliothek, Fakten schaffen, indem er das chronisch undichte Dach endgültig einstürzen lässt. Würde die Sache vielleicht beschleunigen. „Geplant ist ein viergeschossiges Gebäude“, eine „den ganzen Stadtteil hebende Anlage“ mit „malerischer Gesamtwirkung“.

          So war es 1913 vom legendären Stadtbaurat Ludwig Hoffmann vorgesehen. Denn seit 1908 war klar, dass es einen Neubau braucht, weil „in der Stadtbibliothek Zustände herrschen, wie sie für die Stadt Berlin sich nicht ziemen“. Aber nie wurde gebaut.

          Mal kam ein Krieg dazwischen, öfter waren es klamme Kassen. So verblasste Hoffnung auf Hoffnung, löste ein Provisorium das nächste ab. Nur die „Zustände“ blieben und entwickelten sich ins Bedenkliche. Die Teilung der Stadt in West und Ost, schließlich mit der Mauer besiegelt, bescherte ihr 1954 immerhin die Amerika-Gedenkbibliothek, seitdem chronisch überfüllt, aber hochbeliebt. Berliner sind extrem leidensfähig, und gelesen wird hier trotz alledem immer noch leidenschaftlich gern.

          Zum hundertsten Jubiläum der immerwährenden Platznot gab Berlins Zentral- und Landesbibliothek die Festschrift „Rückblick mit Zukunft“ heraus, die nicht nur wachsende Leselust dokumentiert, sondern auch all die verqueren Hindernisse, dieser ein ihr entsprechendes Haus zu bauen. Den letzten Plan von 2013, nach einem teuren Architektenwettbewerb für einen Büchertempel am Rande des stillgelegten Flughafens Tempelhof (Vorbedingung für den komatösen Flughafen-Neubau in Berlin-Schönefeld), kippten Drachenflieger, Kitesurfer, Piraten und Grüne mit einem sogenannten Volksentscheid.

          Der sicherte den Frischluftsportlern diesen riesigen Abenteuerspielplatz namens Tempelhofer Feld, eine weitere Geschichte aus dem Berliner Tollhaus. 2016 schob dann die nächste Berlin-Regierung, Linke, SPD und Grüne, das Projekt auf die ganz lange Bank. Wiedervorlage, hieß es, nicht vor 2021. Es wurde über Prioritäten schwadroniert, die das ganz kleine Karo pflegten und sich durch eine unübersehbare Bildungsferne auszeichneten. Das Jahr 2026 ist darum nur ein weiteres Kapitel in unserem bittersüßen Bildungsroman von der Bibliothek, die nie gebaut worden ist.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

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