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Plagiatsstreit um Rolf Dobelli : Denkt doch mal logisch

Im Mittelpunkt eines traurigen Plagiatsstreit: Rolf Dobelli Bild: dpa

Nassim Taleb bezichtigt Schrifsteller Rolf Dobelli des Plagiats. Das deutschsprachige Feuilleton erklärt die Debatte zur Trivialität, zum Urheberstreit um Allgemeinplätze. Dabei formuliert Dobelli neue Gedanken, evident und schlüssig.

          Der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli ist eine Figur, wie sie im deutschsprachigen Literaturbetrieb weitgehend unbekannt ist - und wen der Betrieb nicht kennt, den mag er auch nicht kennenlernen. Dobelli nimmt nicht teil an jenem literarischen Leben, welches sich nach Stipendien, Literaturpreisen, Stadtschreiberstellen gliedert - was womöglich nicht einmal daran liegt, dass er diese Lebensform geringschätzen würde. Er hat nur keine Zeit dafür.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er hat, als Geschäftsmann und Unternehmer, viel zu viel zu tun; und wenn er gerade keine Geschäfte macht, dann schreibt er seine Bücher, und lange Zeit waren das Romane, welche in jener Welt spielten und aus jener Welt berichteten, zu welcher ein normaler Literaturbetriebsbewohner nur schwer den Zugang findet. Es war die Welt der Leute, die im eigenen Jargon „Entscheider“ heißen oder „Führungskräfte“, eine Welt der Karrieren, der Angst und der üblen Nächte, die einer hat, weil er sich entscheiden muss, ohne dass er die Grundlagen seiner Entscheidungen hätte genau überdenken können.

          Intuition führt auf die falsche Fährte

          Ob es der Unternehmer oder der Unternehmerporträtist war, der irgendwann anfing, sich für diese Grundlagen zu interessieren, ob es der Kollaps aller ökonomischen Gewissheiten im Herbst 2008 war, der Lehman-Bankrott und die Krise, die folgte - das weiß Dobelli vermutlich selbst nicht mehr so genau. Sicher ist nur, dass er genauer wissen wollte, unter welchen Umständen wir uns falsch oder richtig entscheiden. Und genau so sicher und offenbar ist und war immer, dass Nassim Taleb, der Philosoph und Mathematiker, Professor in Oxford und New York, ihm dabei half; dass Taleb ihn angeleitet und inspiriert hat. Dobelli wurde also gewissermaßen zum Reporter, und er recherchierte in einem Bereich, in welchem die Ökonomie, die Statistik und die Psychologie nicht nur der Frage nachgehen, warum wir uns wie entscheiden. Sondern vor allem der, warum wir uns so häufig falsch oder irrational entscheiden.

          Dass Dobelli, anders als sein berühmter amerikanischer Kollege Malcolm Gladwell, nicht eine große Reportage geschrieben hat, sondern eine Reihe kleiner, glossenhafter Artikel (die, zum großen Teil, im Jahr 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen sind), das liegt vor allem daran, dass er die große Theorie nicht gefunden hat. Es gibt nicht das eine Paradigma, es gibt nur Beispiele, Arbeitshypothesen, Missverständnisse, die typisch für gewisse Muster unserer Wahrnehmung sind. Was all die Fälle, die Dobelli referiert, gemeinsam haben, ist der Umstand, dass der Weg zum richtigen Ergebnis der ist, den wir intuitiv als den falschen betrachten. Immer wieder zeigen diese Glossen, wie unsere Intuition uns auf die falsche Fährte führt. Immer wieder laufen die Texte auf die Empfehlung hinaus, kalte Logik auch da anzuwenden, wo wir, aus dem sogenannten Bauch heraus, zu wissen glauben, was zu tun sei.

          Der Plagiatsvorwurf bleibt hängen

          Dass Dobelli sich das alles selbst ausgedacht hätte, suggeriert nicht der kleinste Satz; im Gegenteil, manchmal ist es fast ein wenig ermüdend, wie Dobelli immer wieder auf die akademische Autorität jener Leute verweist, von denen er seine Erkenntnisse hat. Taleb kommt ständig vor, Taleb wird als Inspirationsquelle, als Autor des erhellenden Buches „Der schwarze Schwan“ und als Gesprächspartner dauernd genannt, in den Kolumnen wie auch in dem Bestseller, der daraus wurde. Noch in diesem Frühjahr stand im Feuilleton der „Zeit“ ein Gespräch zwischen den beiden, das so originell, inspirierend und antiautoritär war, dass es auf einer der hinteren Feuilletonseiten versteckt werden musste. Jetzt aber, kurz nach dem Erscheinen der englischsprachigen Ausgabe „The Art of Thinking Clearly“, wirft Taleb seinem ehemaligen Freund Dobelli vor, der habe von ihm abgeschrieben.

          Schmerzlich für Dobelli ist, dass, wenn einer „Plagiat!“ ruft, immer etwas hängenbleibt, selbst wenn der Beschuldigte die Vorwürfe Punkt für Punkt entkräften kann. Bezeichnend ist an dem Streit, dass Taleb einen Fehler macht, von der Sorte, die er sonst so gerne dekonstruiert. Er bringt die Kategorien durcheinander, er verwechselt die Gegenstandsbereiche. Er tut so, als ob die absolut evidenten Ergebnisse von logischen Operationen etwas wären, worauf es ein Urheberrecht gibt. Er ist, gewissermaßen, der Autor der Aussage, dass zwei mal zwei vier ergibt.

          Das deutschsprachige Feuilleton berichtet über den Fall, als ob zwei Autoren sich über Trivialitäten stritten. Auf Allgemeinplätze gibt es kein Urheberrecht, darauf läuft die Berichterstattung hinaus - was zugleich ein Fehler ist und das beste Argument für Dobelli. Wer nur Allgemeinplätze zu bieten hat, wird sie, wie Paulo Coelho, poetisch umkleiden, damit es keiner merkt. Wer einen neuen Gedanken hat, wird ihn so klar und nüchtern wie möglich schildern. Das ist es, was Dobelli tut.

          Dass Feuilletonisten diese Erkenntnisse mit Allgemeinplätzen verwechseln, zeugt nicht von deren Trivialität. Sondern von deren Evidenz und Schlüssigkeit. Man hätte sich das fast selbst denken können.

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