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Plagiatsfall : Zu klar, um von Žižek zu sein

  • -Aktualisiert am

Wenn eine Passage klar und verständlich geschrieben ist, kann sie wohl nicht von Slavoj Žižek stammen. Über einen besonders lustigen Plagiatsfall

          1 Min.

          Für einen Witz gibt er viel her. Slavoj Žižek hat immer schon plagiiert, bisher aber meist sich selbst. Wie soll man auch sonst 75 Bücher schreiben, vielleicht sind’s mit dem heutigen Tag auch schon 76. Er redet und schreibt – über alles und noch vieles mehr. Der Essay, um den es diesmal geht, heißt „A Plea for a Return to Différance (with a Minor Pro Domo Sua)“ und erschien im Winter 2006 in der Zeitschrift „Critical Inquiry“. Paulus, Kapitalismus, Christen, Juden, Derrida, Adorno haben ihre Auftritte. Dabei war der Philosoph auch auf das Buch „The Culture of Critique“ von Kevin MacDonald gestoßen. Die These, die darin ausgebreitet wird, besagt, kurz gefasst, dass Juden im zwanzigsten Jahrhundert sich besonders in der Gesellschaftskritik hervorgetan hätten, siehe die Kritische Theorie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Mit diesen Thesen also setzte sich Žižek auseinander.

          Aber wir übertreiben. Denn nicht MacDonalds Buch hatte er gelesen, sondern, wie er nun angibt, habe ihm ein Freund von MacDonalds Thesen berichtet, und diesen Freund habe er gebeten, ihm einen kurzen Abriss davon zu geben („I asked him to send me a brief resume“). Die Bitte wurde erfüllt, der Freund gab Žižek bei der Benutzung der Ausarbeitung freie Hand. Tatsächlich aber hatte der Freund größere Passagen aus dem Netz kopiert, und zwar aus der MacDonald-Rezension von Stanley Hornbeck, die in dem sehr rechtslastigen Magazin „American Renaissance“ erschienen war. Der besondere Witz war diesmal, wie das Plagiat auffiel: Es waren die Passagen in völlig transparenter, klarer Sprache, an denen der Blogger Deogolwulf am 9.Juli erkannte, dass sie nicht von Žižek stammen konnten. So viel zu der aktuellen Peinlichkeit. Jetzt muss man aber den Philosophen auch gegen seine eilfertigen Kritiker verteidigen, die ihm wegen des Essays Antisemitismus vorwerfen.

          Das Gegenteil ist der Fall. Nicht nur nennt er MacDonald einen Exponenten des „new barbarism“ – sondern er frönt seinerseits einem modisch-metaphysischen Philosemitismus. Das „auserwählte Volk“ mit seiner exklusiven Beziehung zu Gott, so der Philosoph, anerkenne die Zugehörigkeit der Götzendiener zum Menschengeschlecht, während der christliche Universalismus die Ungläubigen „tendenziell“ aus der Universalität der Menschheit ausschließe. Sag „unten“ zu Žižek, bemerkte ein geistvoller amerikanischer Kritiker, und er wird dir nachweisen, dass eigentlich nur „oben“ gemeint sein kann.

          Lorenz Jäger
          (L.J.), Freier Autor

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