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Plagiatsaffäre : Schavan, weit weg

In sämtlichen ihrer Schriften hatte Annette Schavan die Realitätstauglichkeit der Norm angemahnt. Umso mehr verblüfft ihre Rücktrittserklärung.

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          Immer mehr Menschen sagen: „Es kann nicht sein.“ Es kann nicht sein, dass ich immer Vierte werde, sagte Silke Spiegelburg, als sie beim Stabhochspringen in London Vierte wurde. Es kann nicht sein, dass wir jetzt schon halbe Inseln retten, die so groß sind wie der Kreis Recklinghausen und die Stadt Bottrop zusammen und deren größte Bank kleiner ist als die Hamburger Sparkasse, sagte der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler, als Deutschland eine halbe Insel des erwähnten Ausmaßes vor dem Bankrott gerettet hatte. Es kann nicht sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen meinem angekündigten Rücktritt als CDU-Parteivize und den gegen meine Doktorarbeit erhobenen Plagiatsvorwürfen, sagte Annette Schavan, als Berichte über einen solchen Zusammenhang die Runde machten.

          Unterschied zwischen Wirklichkeit und Norm

          Es kann nicht sein - das meint nicht: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass es so ist (nach dem Motto: Wie kommen Sie denn daaarauf?). Es kann nicht sein - das meint: Es ist so, haargenau so, aber es dürfte eigentlich nicht sein. Es handelt sich also um eine Art Wirklichkeitsbeschimpfung nach dem Grundsatz: Es kann dummerweise sein, was nicht sein darf. Das Verhältnis von Wirklichkeit und Norm, deren gegenseitige Durchdringung und Einebnung, fasziniert die Theologin Schavan seit ihrer pädagogischen Doktorarbeit, die sie der Frage „heutiger Gewissensbildung“ gewidmet hat. Dort und in anderen moralischen Schriften verlegte sie sich stets darauf, die sogenannte Realitätstauglichkeit der Norm anzumahnen und in der Figur des Dilemmas das Sollen dem Sein anzugleichen.

          Diesmal schlägt die Einebnung des Unterschieds zwischen Wirklichkeit und Norm zugunsten der Norm aus: „Weiter weg von der Wirklichkeit kann man nicht sein“, meinte die Bildungsministerin über die Plagiatsthese als Rücktrittsgrund. Hier spricht eine überdeutlich artikulierende Sprechstimme aus dem Off des idealen Normbereichs, die schwerblütige Realität bis zur Selbstverleugnung hinter sich lassend. Es kann nicht sein, dass die mögliche Nachfolgerin Schavans gestern mit dem Slogan beworben wurde: „Julia Klöckner ist ein frisches, fröhliches, junges Blut.“ Aber so ist es.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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