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Plädoyer für die Maßlosigkeit : Über das gute Leben

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Wir mäßigen uns heute maßlos. Erstaunlich, auf was wir alles verzichten. Liegt es daran, dass wir nur in der feiernden Gruppe das Leben genießen können - unsere Kultur aber immer weniger gesellige Gebote bereitstellt?

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          Wenn die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, zunächst als anspruchsvolle philosophische Herausforderung erscheinen mag, so fallen doch die Antworten gar nicht schwer: mit Freunden ein Gespräch beim Kaffee führen; eine Aussicht genießen; eine Runde schwimmen; in angenehmer Gesellschaft ein Glas Wein trinken; Momente der Zärtlichkeit oder der Liebe etc. Solche Momente geben uns Gelegenheit, zu bemerken, dass sich das Leben lohnt; möglicherweise auch in vielen seiner übrigen Momente. Aber nur, wenn wir das bemerken können, lohnt sich das Leben. Darum sind die genannten Gelegenheiten entscheidend.

          Wofür es sich zu leben lohnt ist etwas ganz anderes als die Frage, wozu es sich zu leben lohnt - also welchen großen Ideen, welchen bedeutenden Aufgaben man das Leben unterordnen könnte. Der Philosoph Michel de Montaigne hat betont, dass wir nie vergessen dürfen, dass es unsere vornehmste Aufgabe sei, zu leben. Man muss also imstande sein, im Leben auch dann etwas zu Behauptendes zu erblicken, wenn man es allein genommen betrachtet und es nicht hinter all den Projekten versteckt, denen man es, um sich vor dieser Betrachtung zu drücken, gerne verdächtig schnell widmet.

          Nicht in unseren Abenteuern kommen wir also unserer vornehmsten Aufgabe, dem Leben, nach, sondern in jenen Momenten, in denen, wie es einmal hieß, „das Abenteuer Pause macht“. Wer die Kunst, solche Momente herzustellen, vergisst, verfällt am Ende eines Abenteuers leicht in die typische Depression von Olympiasiegern nach dem Triumph.

          Man möchte nun meinen, dass Menschen kein dringenderes Bedürfnis haben als das nach jenen Momenten, in denen sich erleben lässt, dass sich das Leben lohnt. Aber die aktuellen Erfahrungen zeigen, dass dies nicht immer der Fall ist. Offenbar kann den Leuten etwas abhandenkommen, das dazu erforderlich ist. Die Individuen verfügen nicht immer über die Gesamtheit ihrer Lustbedingungen. Es gibt dabei eine entscheidende Schwierigkeit.

          Dem Privatleben verpflichtete „Idioten“

          Alles, wofür es sich zu leben lohnt, ist nämlich rund um eine zwiespältige Eigenschaft gebaut: Es ist teuer wie Partykleidung, ungesund wie Alkohol, unanständig oder unappetitlich wie Sex, unangenehm wie die Bierdusche, die siegreichen Fußballtrainern den Anzug ruiniert, unvernünftig wie Phantasie, Spiel, Müßiggang oder Verausgabung etc. In den meisten Momenten unseres Alltags verabscheuen wir dieses Zwiespältige: Am Morgen wollen wir vielleicht nicht einmal das Wort „Whisky“ hören; am Abend in einer dunklen Bar mit coolem Jazz aber kann die Sache zu einem triumphalen Genuss werden. Denn gerade diese verwandelten Zwiespältigkeiten bilden für uns den Inbegriff dessen, wofür es sich überhaupt zu leben lohnt.

          Damit wir das, was wir üblicherweise verabscheuen, in Ausnahmemomenten als lustvoll empfinden können, ist eine entscheidende gesellschaftliche Bedingung notwendig: Es muss eine soziale Situation geben; einen Moment der Feierlichkeit, der uns verpflichtet, uns glamouröser zu benehmen als sonst. „Jetzt wird gefeiert, und du machst mit“ - das ist der entscheidende gesellschaftliche Imperativ, ohne den alles, was uns Freude machen kann, nur schrecklich wäre. Und die Gesellschaft muss den Individuen dieses Gebot bereitstellen: Die feiernde Gruppe verschafft den Einzelnen dieses Gebot; die Feiernden, die ihm folgen, transformieren dadurch das zwiespältige Element in ein großartiges. Nur in Gesellschaft, als öffentliche Figuren, als „public men“ (im Sinne des Soziologen Richard Sennett) können wir darum das Leben als lohnend empfinden, nicht aber auf uns alleine gestellt, als „private persons“ - oder, wie die Antike es nannte, als bloß dem Privatleben verpflichtete „Idioten“.

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