https://www.faz.net/-gqz-yh3z

Plädoyer für die Maßlosigkeit : Über das gute Leben

  • -Aktualisiert am

Das Bezeichnende an der kindlichen Vernunft altkluger Kinder zeigt sich daran, dass sie immer ganz vernünftig sein wollen. Sie haben überall kluge Regeln und Verbote parat und halten sich strikt daran, sie wundern sich, wenn sie bemerken müssen, dass die Erwachsenen, denen sie so sehr nacheifern, ihrerseits doch auch ganz unvernünftige Dinge tun, wie, zum Beispiel, charmant scherzen, sich verlieben oder sich betrinken. Wirklich vernünftig sein heißt also, nicht ganz vernünftig sein zu wollen, sondern sich ab und zu Momente kindlicher Unvernunft gönnen zu können.

Kunst ohne Genie

Die Bedeutung dieser Verdoppelung hat der Philosoph Epikur bemerkt. Er schreibt: „Es gibt auch im kargen Leben ein Maßhalten. Wer dies nicht beachtet, erleidet Ähnliches wie derjenige, der in Maßlosigkeit verfällt.“ Die Mäßigung, die unser Leben reguliert, kann, wenn sie nicht verdoppelt wird, selbst zur Maßlosigkeit werden. Genau in dieser Situation leben wir gegenwärtig: Wir mäßigen uns maßlos. Aus Furcht vor möglicher Beeinträchtigung des Lebens beeinträchtigen wir es selbst vollständig. Dazu hatte der stoische Schriftsteller Juvenal bemerkt: „Betrachte es als die größte Schandtat, das nackte Leben höher zu stellen als die Scham; und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.“ Wie Epikur fordert also auch Juvenal die Verdoppelung: Zum Leben genügt es nicht, bloß am Leben zu sein. Man muss auf lebendige Weise lebendig sein. Wenn man hingegen die Gründe zum Leben verliert, um das nackte Leben zu bewahren, dann ist das, was übrigbleibt, eben kein Leben mehr, sondern ein Dahinvegetieren von lebenden Toten.

Solches Insistieren auf der Frage nach den lohnenden Gründen des Lebens bildet den Kern des philosophischen Materialismus, den wir der Antike verdanken. Der Materialismus hängt am Leben wie keine andere Philosophie, aber eben nur am guten, darum ist er auch, wie keine andere Haltung, imstande, sich das schlechte Leben nicht gefallen zu lassen und es „mehr zu fürchten als den Tod“ (Brecht).

Eine materialistische Ethik, die erkannt hat, dass das, wofür wir leben, von zwiespältigen Genüssen abhängt und dass diese Genüsse nur durch gesellschaftliche Bedingungen als lustvoll erfahrbar werden, kann sich darum nicht mit den Do-it-yourself-Verfahren der aktuell boomenden Ratgeberliteratur zufriedengeben. Sie muss vielmehr auf die Wiederherstellung der entsprechenden gesellschaftlichen Bedingungen drängen. Nur ein Leben in einer funktionierenden Gesellschaft, welche den Individuen die Ressourcen des Genießens bereitstellt, anstatt ihnen bequemerweise alles Anstößige zu verbieten, ist ein Leben, für das es sich zu leben lohnt.

Weitere Themen

Wo stehen wir jetzt?

Ein Jahr Stavanger-Erklärung : Wo stehen wir jetzt?

Vor einem Jahr hatten 130 Experten die Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens unterzeichnet. Wie hat sich die Debatte um das Lesen von Gedrucktem oder auf Bildschirmen entwickelt? Eine Zwischenbilanz.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.