https://www.faz.net/-gqz-yh3z

Plädoyer für die Maßlosigkeit : Über das gute Leben

  • -Aktualisiert am

Schlagobers ohne Fett

Was die aktuelle Kultur kennzeichnet, ist, dass sie solche geselligen Gebote immer weniger bereitstellt. Stattdessen tauchen ständig neue, lebensvergessene Dringlichkeiten auf: Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz oder der sogenannte „europäische Hochschulraum“ in der Kultur der Gegenwart als vermeintlich höchste Güter nach ganz oben drängen, dann werden Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität meist ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert. Unbescholtene Menschen werden bei Sicherheitskontrollen wie Verbrecher behandelt und bis auf die Socken durchsucht. Regierungen verbieten uns das Rauchen, als ob wir Minderjährige wären. Sogar auf der Straße soll es untersagt werden, und die Zigarettenpackungen sollen, anstelle liebevoller grafischer Gestaltung, nur noch Warnungen und drastische Bilder von Lungenkrankheit zeigen. Die Universitäten Europas verwandelt man in repressive Obermittelschulen, die nur noch auf den Prinzipien des Zwangs und der Kontrolle beruhen.

Ist es nicht erstaunlich, was wir uns alles gefallen lassen? Wir lassen uns wie Kinder behandeln - obwohl wir meist sogar energisch protestieren, wenn Kinder so autoritär behandelt werden. Daran zeigt sich, dass die reichsten Bevölkerungen der Welt es verlernt haben, sich die Frage zu stellen, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht um die Antworten sind wir verlegen, sondern die philosophische Gewohnheit, diese Frage zu stellen, ist uns abhandengekommen. Ohne sie erscheinen alle möglichen Antworten nur überflüssig, belästigend und obszön. Diese Frage ist somit ein Akt ethischer Haltung und nicht nur Ausdruck einer theoretischen Neugierde. Darin liegt ihre Pointe und ihre philosophische Herausforderung.

Momente kindlicher Unvernunft

Ohne die durch kulturelle Gebote vermittelte Verwandlungskraft in Bezug auf das Zwiespältige können wir nur noch nach Dingen suchen, die unzweideutig lustvoll sind. Darum boomen in der westlichen Kultur, wie der Philosoph Slavoj Zizek früh erkannte, die Produkte des sogenannten „Non-ism“, denen jeweils das zwiespältige Element fehlt: Schlagobers ohne Fett, Bier ohne Alkohol, Sex ohne Körperkontakt, Sprechen ohne Kraftausdrücke, Kunst ohne Genie etc. Überhaupt sind wir nicht mehr auf große Lust aus, sondern vor allem darum bemüht, dass nichts stört. Weil wir unsere zwiespältigen Möglichkeiten nicht kunstvoll kultivieren können, versuchen wir, sie zu unterdrücken und zu verbieten. Auch den öffentlichen Raum säubern wir von allem, was jemanden stören könnte (etwa Hinweise auf die Tabakkultur), anstatt die Funktion von Gesellschaft, wie noch in den siebziger Jahren, darin zu sehen, den Individuen positive Ressourcen zu verschaffen, über die sie von sich aus nicht verfügen, wie, zum Beispiel: soziale Sicherheit, Bildung, öffentliche Auseinandersetzung, Gelegenheiten zu Würde und elegantem Auftreten etc.

In den derzeit beliebten Eliminationen von allem Zwiespältigen betätigt sich etwas, das auf den ersten Blick wie Vernunft aussehen mag, in Wahrheit aber deren Gegenteil ist. Wirkliche Vernunft ist nämlich immer etwas Doppeltes: Sie besteht darin, auf vernünftige Weise vernünftig zu sein. Unverdoppelte, einfache Vernunft hingegen ist eigentlich gar keine. Einfach vernünftig zu sein, ohne Fähigkeit zur Verdoppelung, ist vielmehr typisch für bestimmte Kinder, jene altklugen, umweltbewussten Kinder, die, zum Beispiel, zu ihren Eltern vorwurfsvoll sagen: „Man soll doch keine Plastikflaschen kaufen.“

Weitere Themen

Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört Video-Seite öffnen

Proteste und Aufruhr : Kinostart von Polanskis neuem Film wird gestört

Frauen-Aktivisten rufen beim Pariser Kinostart von Roman Polanskis neuem Film „J’accuse“ über die Dreyfus-Affäre zum Boykott auf. Vergangene Woche beschuldigte das französische Ex-Model Valentine Monnier den Oscar-Preisträger, sie 1975 vergewaltigt zu haben.

Topmeldungen

Seit September 2017 gilt das WLTP, ein weltweit harmonisiertes Prüfprogramm. Hier eine Abgasprüfung beim TÜV Rheinland.

Das Grenzwert-Drama : 95 Gramm

Von 2020 an dürfen Neufahrzeuge in Europa im Schnitt nur noch vier Liter Benzin oder dreieinhalb Liter Diesel verbrauchen. Wie es zu einem Grenzwert kam, der die Grenzen der Physik sprengt.
Motorrad-Taxi in der Hauptstadt Yaounde

Bevölkerungswachstum in Afrika : Kinder als Altersvorsorge

Kamerun gilt als „Afrika im Kleinen“. Dort lässt sich beobachten, weshalb die Bevölkerung des Kontinents so schnell wächst. Der Gefahren dieser Entwicklung ist sich kaum jemand bewusst.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.