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Pius-Bruderschaft : Messe und Maße

Papst Benedikt XVI. hebt die Exkommunikation der Lefebvristen auf Bild: AFP

Die Pius-Bruderschaft gehört zu den traditionalistischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Ihr Widerspruch gegen die Entwicklung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte zu ihrer Exkommunikation geführt. Jetzt hat Papst Benedikt XVI. sie aufgehoben, obwohl ein Bischof in ihren Reihen den Holocaust geleugnet hatte.

          Die Kapelle St. Athanasius in Hattersheim bei Frankfurt ist gut besucht, wenn auch nicht voller als sonst. Die Gemeinde lebt, sie ist ganz offenbar nicht überaltert, das gelegentliche Lärmen nicht nur eines Kindes beweist es. Das Einzugsgebiet des Kirchleins reicht weit in die Region hinein. Die Besonderheit der Kapelle: Sie gehört zur Bruderschaft St. Pius X., den Anhängern des Erzbischofs Marcel Lefebvre, den entschiedenen Traditionalisten innerhalb der katholischen Kirche.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Und dass sie tatsächlich innerhalb stehen, können sie heute mit besonderem Recht sagen. Denn die 1988 ausgesprochene Exkommunikation ihrer von Lefebvre geweihten geistlichen Führer wurde vor wenigen Tagen, am 21. Januar, aufgehoben und als „frei von Rechtsfolgen“ erklärt. Die Bruderschaft hat weltweit rund sechshunderttausend Anhänger. Das mag nicht viel sein, aber Energie bemisst sich nicht an reinen Zahlen. Lefebvres Widerspruch gegen die Entwicklung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und gegen das neue Messbuch stand am Anfang, am Ende kam die Exkommunikation.

          Der unbeugsame Patron

          Der Namenspatron der Hattersheimer Kapelle, einer der ersten Kirchen in Deutschland, die sich für Lefebvre erklärte, ist jener Athanasius von Alexandria, der sich nicht gebeugt hatte. Er wurde einmal nach Trier verbannt, durfte indes nach zwei Jahren in seine Heimat zurückkehren. Aber der neue Kaiser Constantius, ein Sohn des großen Constantin, ließ Athanasius durch ein Konzil verurteilen. Wieder folgte eine Verbannung der anderen, Athanasius versteckte sich bei Mönchen in der Wüste. Im Kern ging es um den Kampf der Kirche mit dem Arianismus, einer einflussreichen Häresie der frühen Christenheit. Konfliktstoff bot die Natur der Dreifaltigkeit Gottes.

          Die Arianer, denen auch der neue Kaiser zuneigte, sahen in Christus wohl einen ausgezeichneten Menschen, der indes nicht „gleichen Wesens“ mit dem Vater sei. Athanasius gab dieser neuen Lehre nicht nach, er schrieb eine Geschichte der Verfolgungen, welche die Rechtgläubigen unter der arianisch gestimmten Obrigkeit in den ersten Dezennien des vierten Jahrhunderts zu erdulden hatten. Heute wird er als Heiliger verehrt, von den Kirchen in Ost und West gleichermaßen.

          Der Wille, katholisch zu bleiben

          Aber musste der Arianismus, der die Menschengestalt Christi stärker betonen und die Zumutungen, welche die Trinität an Glauben und Vernunft stellte, entscheidend lockern wollte, den Gebildeten damals nicht als eine Religion der reinen Vernunft erscheinen? Der junge Priester in Hattersheim erklärt an diesem Tag seiner Gemeinde die Bedeutung des jüngsten Entscheids. Monsignore Bernard Fellay, einer der vom Exkommunikationdekret Betroffenen, hatte sich am 15. Dezember 2008 an Kardinal Hoyos, den Präsidenten der päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, gewandt und um Aufhebung der Exkommunikation gebeten: „Wir sind immer festen Willens entschlossen, katholisch zu bleiben und alle unsere Kräfte in den Dienst der Kirche unseres Herrn Jesus Christus einzusetzen, welche die römisch-katholische Kirche ist. Wir akzeptieren ihre Lehren mit kindlichem Herzen. Wir glauben fest an den Primat des Petrus und an seine Ansprüche, und darum lässt uns die gegenwärtige Lage sehr leiden.“

          Benedikt XVI., so sagt das Antwortschreiben, sei „auf väterliche Weise empfänglich für das geistliche Unbehagen, das von den Betroffenen aufgrund ihrer Exkommunikation zum Ausdruck gebracht wird.“ Er baue aber auf die Verpflichtung auch der Piusbruderschaft, in Gesprächen die „noch offenen Fragen“ zu vertiefen und zu einer „Lösung des Anfangsproblems“ zu kommen. Der Weg der Kirche zum Frieden mit ihrer eigenen Tradition ist jedenfalls eingeschlagen, das neue Dekret ist ein zweiter Schritt nach dem ersten des „Motu proprio“ zur alten Messe.

          Williamsons Taktlosigkeit

          Der junge Priester in Hattersheim verschweigt nicht die bittere Pille, die zugleich mit der Aufhebung des Dekrets zu schlucken war - durch einen schlechthin unverständlichen Akt aus den eigenen Reihen, der noch für viele Dispute sorgen wird. Die Rede ist vom Weihbischof Richard Williamson. Er gehört zu jenen, deren Exkommunikation nun aufgehoben wurde. Man muss es in diesem Fall einmal scharf sagen: Hätte jemand die Ausgleichsbemühungen zwischen der Bruderschaft und dem Vatikan hintertreiben wollen, er hätte es nicht anders angehen können als Williamson, ein offenbar erratischer und - um das Mindeste zu sagen - unbesonnener Mensch. Er glaube nicht, so erklärte er in einem Gespräch mit dem schwedischen Fernsehen, dass in den Gaskammern Juden ermordet worden seien. Dabei berief er sich auf Fred Leuchter, der bei den Holocaust-Leugnern prominent ist. Taktlos im höchsten Maß ist der Moment des Videos, das man inzwischen im Netz sehen kann, als der Geistliche sich technischen Einzelheiten der Gaskammern widmet.

          In St. Athanasius ist der junge Priester bemüht, die Piusbruderschaft aus dem Streit herauszuhalten. In keinem Sinne sollten die Äußerungen Williamsons als Meinung der Bruderschaft genommen werden. Antisemitismus verbiete sich von selbst, da Christus, Maria und Petrus Juden „im Fleisch“ gewesen seien. Die Diskussion um Lefebvre, dessen eigener Vater in einem KZ starb, sein Werk und sein Erbe wird nun erneut beginnen, so viel ist sicher.

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