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Pisa : Wer Mundart spricht, ist klüger

Gute Voraussetzungen für Pisa Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen haben sehr gut bei der jüngsten Pisa-Studie abgeschnitten. Womöglich, weil der Fremdsprachenunterricht dort praktisch kurz nach Geburt einsetzt? Denn hier wird noch ausgeprägt im Dialekt gesprochen.

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          Sitzen ein Hamburger, ein Schweizer und ein Schwabe im Zug von Zürich nach Basel. Fragt der Schweizer den Norddeutschen: „Sendsi au z'Züri gsi?“ Der Hamburger schaut verständnislos, der Schweizer wiederholt: „Sendsi au z'Züri gsi?“ Der Hamburger hebt hilfesuchend die Hände. Beugt sich der Schwabe rüber und erklärt: „gwä!“ Wer hier noch mitkommen will, muß mehrsprachig sein.

          Nun haben Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen besonders gut bei der jüngsten Pisa-Studie abgeschnitten. Für Amateur-Statistiker, also für uns alle, liegt es da nicht fern, nach tieferen Gemeinsamkeiten zwischen diesen Ländern zu suchen. Der bislang anregungsreichste Vergleich: In den drei Regionen setzt der Fremdsprachenunterricht früh ein, praktisch kurz nach Geburt. Denn hier werde noch ausgeprägt im Dialekt gesprochen. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes glaubt, daß Dialektsprecher früh lernen müssen, Sprachebenen zu unterscheiden, was die Aufmerksamkeit und das Analysiervermögen übt. Dialektforscher stützen das unter Hinweis auf Hirnforscher.

          „Annerster“ statt „anders“

          Diese Diskussion lief schon einmal anders: Lange wurde beklagt, daß Dialektsprecher schlechter schreiben, weil sie das Gehörte einfach übersetzen und in Hessen schon einmal statt „anders“ „anners“ oder gar „annerster“ für richtig halten. In den berüchtigten hessischen Rahmenrichtlinien war - neue Volte - kurz nach 1968 davor gewarnt worden, die Schüler ins Hochdeutsche hineinzuzwingen. Denn das stürze die aus den Unterschichten in einen Klassenkonflikt zwischen ihrer Herkunft und dem offiziellen Sprachgebrauch.

          Und zuletzt haben Dialektologen dann das Aussterben der deutschen Mundarten prophezeit. Der „Büagamoasta“ sei sowieso meistens nur noch ein „Büagamaista“ und bald wohl bloß ein Bürgermeister mehr. Die soziale Mobilität und die räumliche der Familien samt der Medien, die den Dialekt scheuen, sorgten fürs Siechtum der Regionalsprachen. Von der Verdrängung süddeutscher Gepflogenheiten wie „Atem“, „blöd“ und „draußen“ durch „Puste“, „irre“ und „außen vor“ ganz zu schweigen.

          Also wie jetzt?

          Wie also nun (oder: Also wie jetzt)? Müßten nicht, wenn jene Pisa-Deuter recht hätten, die Angehörigen der Krass-fett-konkret-Sprachgemeinschaft wahre Meister der Sprachebenenanalytik sein und mit einem „Was druckst Du?“ die Differenzen von „wir sind“ und „mir han“, gwä und gsi, die und d'r Butter sofort miterkennen? Anders gefragt: Wenn gute Pisa-Ergebnisse mit Dialektbegabung zusammenhängen, womit hängt dann die Dialektbegabung zusammen? Herkunft aus dem Umland, geringere Frequenz der (M)TV-Bestrahlung, höhere Frequenz der Geselligkeit in Familien - man kann sich einiges vorstellen, was bildungswirksam wäre.

          Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, Eltern hat, die in Konstanz und in Innsbruck aufgewachsen sind, in Worms geboren wurde, in Darmstadt zur Schule ging, in Berlin studiert hat - und, wenn es ernst wird, als Dialekt schwäbisch spricht, sich also in einer Gegend zu Hause fühlt, in der er nie gelebt hat, der wird sich jedenfalls keinen Kausaltheorien darüber hingeben, wovon der Mundartgebrauch abhängt. Zur Feststellung, daß Deutschland ein Vielvölkerstaat ist und hoffentlich bleibt, braucht er keine Pisa-Effizienzen regionaler Art, dazu reicht ihm das Vergnügen an Diversität. Vielleicht teilt es sich ja auch dem einen oder anderen Lehrer mit. Eine Unterrichtseinheit über den Unterschied von „gsi“ und „gwä“ oder „Atem“ und „Puste“ wäre jedenfalls eine schöne Deutschstunde.

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