https://www.faz.net/-gqz-rg83

Pisa-Studie : Sechzehn Bildungswege?

Rechnen und Schreiben: Problemfächer deutscher Schüler und Journalisten Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Schall war schneller als das Licht: Die neuen Pisa-Befunde wurden vorab erstmal falsch gemeldet. Ein paar Tage später kamen dann die richtigen Zahlen. Diese bieten allerdings immer noch genügend Sprengstoff für die Schlagzeilen.

          3 Min.

          Vorab ein Nachtrag zur Vorabberichterstattung: Sie nimmt zu. Ausstellungen werden besprochen, die noch gar nicht aufgebaut waren, als der Kollege durchlief. Sperrfristen werden gebrochen, denn alles andere wäre ja naiv. Sogar Jubiläen kommen zu langsam, man gratuliert dem Klassiker schon Monate vorher zum Hundertsten.

          Journalismus, scheint vielerorts die Berufsnorm zu sein, ist das Geschäft, etwas zu melden, das noch gar nicht stattgefunden hat. Den Politikern wirft man vor, bloß noch in Wiederwahlperioden zu denken, der Wirtschaft Kurzfristmaximierung, der Kunst Moden, aber den eigenen Beitrag zum Nervösmachen aller hält man für professionell.

          Schlagzeile, Aufregung, Blödsinn

          Der Wissenschaftsreporter der Deutschen Presse-Agentur (dpa) hat dieser Tage etwas vorab gemeldet, was nicht stimmt. Dutzende von Nachrichtenredaktionen haben es nachgedruckt: Das deutsche Schulsystem produziere immer mehr Ungerechtigkeit. Im Vergleich zur Pisa-Erhebung 2000 ergebe die Nachfolgestudie mit den Befunden von 2003, daß Fünfzehnjährige sozial bildungsschwacher Herkunft immer geringere Chancen hätten, es in diesem Land auf ein Gymnasium zu schaffen.

          Schlagzeile, Aufregung, Blödsinn. Denn wahr ist daran nichts. Die herkunftsbedingte Ungleichheit des Schulerfolgs ist in Deutschland der gestern vorgestellten Auswertung der Pisa-Studie 2003 nach Bundesländern zufolge weiterhin groß. Gewachsen ist sie nicht. Um ein solches Wachstum feststellen zu können, hätte die dpa außer über einen ihr hintenrum zugespielten Vorbericht zusätzlich über außergewöhnliche statistische Fähigkeiten verfügen müssen.

          Denn unmittelbar vergleichen ließen sich die Befunde von 2000 gar nicht mit den jetzigen. Die entsprechenden Tabellen bezogen sich auf unterschiedliche Leistungskategorien, Schichteinteilungen und Modelle von Ungleichheit. Die vergleichbaren Daten, die man eigens hätte ermitteln müssen, was den Vorstellungshorizont von Vorabberichterstattern sprengen dürfte, zeigen keinen Trend zu mehr schichtabhängigem Schulerfolg. Man wird Meldungen von nichtlesenden Schallquellen demnächst hoffentlich etwas zögerlicher zum Abdruck bringen.

          Gute Noten für Bayern, Sachsen und Thüringen

          Das bedeutet keine Entspannung für die deutschen Schulen. Zwar kann sich Bayern in vielen Hinsichten ebenso freuen wie Sachsen, Thüringen und - eingeschränkter - Baden-Württemberg. Diese Länder liegen mit ihren Schülerleistungen in Mathematik, Lesen und naturkundlichem Verstehen nicht nur über dem oder gut im Durchschnitt der OECD-Staaten. In Bayern gelingt es überdies, viele Realschüler in Mathematik besser auszubilden. als es andernorts - und sogar in Bayern selbst - mit vielen Gymnasiasten geschieht.

          Und Thüringen wie Sachsen beeindrucken durch den Befund, daß ein System, das mit zwei Schulformen, Gymnasium und „Regelschule“ beziehungsweise „Mittelschule“, auskommt, in der Lage ist, hohe Spitzenwerte mit einem vergleichsweise geringen Abstand zwischen den Besten und den Schwächsten zu verbinden. Aber wenn die Rheinland-Pfälzerin Doris Ahnen (SPD) bei der Vorstellung dieser Befunde zum hundertsten Mal wiederholte, man sei auf dem richtigen Weg, dann grenzt das für die Bildungsministerin eines Landes, in dem jener Abstand fast doppelt so groß ist wie in Thüringen und Sachsen, an Wirklichkeitsverlust. Man ist in Deutschland auf sechzehn Wegen, die nicht alle gleich gut sind, woraus zu lernen man aber nicht bereit ist.

          Sozialer Sprengstoff in den Strukturunterschieden

          Zu lernen wäre vor allem, daß es eine fixe Idee ist, eigentlich müßten alle aufs Gymnasium. Die von der Bildungspolitik wie von vielen Arbeitgebern betriebene Abwertung aller Zertifikate diesseits des Abiturs ist gesellschaftlich fatal. Nicht selten, so Pisa-Forscher Manfred Prenzel, stehe Gymnasium nur drauf, sei Gymnasium aber gar nicht drin. Es komme auf die einzelnen Schulen an und weniger auf die Schulformen. Die besten zehn Prozent der Realschüler in guten Ländern wären in fast allen schlechten Ländern gymnasialer Durchschnitt. Und gerade in Bayern, Sachsen, Thüringen hängt die mathematische Denkfähigkeit besonders wenig von der sozialen Herkunft ab.

          Der eigentliche soziale Sprengstoff aber liegt nicht in den Strukturunterschieden. Er liegt in Bremen, Hamburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen - und vermutlich ist es keine Übertreibung zu sagen, daß er im Bildungsniveau bestimmter, dort stark vertretener Migrantengruppen liegt. Fast ein Drittel aller Bremer und mehr als ein Viertel aller Hamburger und nordrhein-westfälischen Fünfzehnjährigen kann kaum lesen. Mathematisches Denken: derselbe Befund.

          Die Hälfte der in Deutschland geborenen türkischen Jugendlichen kommt in beidem nicht über jene „Kompetenzstufe 1“ hinaus, die ein Minimum intellektueller Orientierungsfähigkeit markiert. Berücksichtigt man die Größe dieser Gruppe sowie den Befund, daß der Familienhintergrund den Schulerfolg stark prägt, tritt nicht nur anläßlich ihrer, sondern viel mehr noch im Blick auf ihre Kinder ein gesellschaftspolitisches Problem ersten Ranges hervor. Noch wagt es kein Politiker auszusprechen: daß die Erziehung dieser Kinder nicht länger ihren Eltern und ihren Milieus überlassen werden darf. Es gibt, mit anderen Worten, genug an ernsten Tatsachen. Man muß sie nicht aus Sensationsverbreitungslust erfinden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Feuerwehrmann löscht ein brennendes Auto am Place d’Italie.

          Gelbwesten-Proteste : Massive Krawalle zum Einjährigen

          In Paris ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die in der Vergangenheit stark an Zuspruch verlorene Bewegung der „Gelbwesten“ hatte am ersten Jahrestag ihrer Proteste zu neuen Demonstrationen aufgerufen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.