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Pirelli-Kalender 2018 : Nackte Frauen reichen nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Wer hat hier die Axt in der Hand? Naomi Campbell und Sean Diddy Combs in einer Making-of-Aufnahme. Bild: Pirelli/Alessandro Scotti

Alles außer Autoreifen: Es begann mit leicht bis kaum bekleideten Frauen, doch das ist längst kein Thema mehr. Der Pirelli-Kalender gibt sich immer bedeutsamer.

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          Es ist schon ein Kreuz mit den fürs männliche Publikum gedachten Traditionspublikationen, die vermeintlich in Zeiten der Unschuld gegründet wurden und nun, mit rund fünfzig Jahren auf dem Buckel, in der Midlife-Crisis stecken. Der „Playboy“ kann ein Lied davon singen, wie es ist, nach knapp einem halben Jahrhundert festzustellen: Die Welt um einen herum hat sich verändert und man selbst doch irgendwie auch, vielleicht. Oder man will wenigstens versuchen, sich zu ändern, bevor es zu spät ist und man als Retromodell ins Museum geschoben wird. Was hat der Vater aller Herrenmagazine in Amerika nicht alles getan, um wieder à jour zu wirken: Playmates anziehen, Bloggerin mit Hidschab einladen, Playmates wieder ausziehen. So kann man sich auch im Kreis drehen im Zeitalter der diversifizierten Genderdebatte.

          Der Pirelli-Kalender dagegen kennt augenscheinlich kein Zurück und inszeniert sich als Motor des gesellschaftlichen Fortschritts – das ist ja nicht unklug für das Hochglanz-PR-Produkt eines Reifenherstellers. Was 1964 mit Strandaufnahmen einer Blonden und einer Rothaarigen begann und nur an handverlesene Freunde des Unternehmens verschenkt wird, entwickelte sich im Laufe der Jahre zum Schaulaufen der Supermodels und Starfotografen in Sachen Erotikfotografie mit künstlerischem Anspruch. Manchmal waren sogar Reifen im Bild. Aber eigentlich ging es immer darum, dass Männer schöne Frauen noch lieber sehen als Autozubehör. Ist natürlich ziemlich eindimensional gedacht. Was ist mit inneren Werten, abweichenden ästhetischen Normen und sexuellen Orientierungen, was mit Blickhierachien? Ein Werbekonzept von gestern, mamma mia, via via, fort damit, sagten die Mailänder.

          Irgendwo zwischen Burlesque und Barock-Punk: Duckie Thot und ein Dodo. Bilderstrecke
          Irgendwo zwischen Burlesque und Barock-Punk: Duckie Thot und ein Dodo. :

          Jenseits der fünfzig stellt Mann Sinnfragen, wird politisch, trägt Verantwortung. Da ist ein Plus-Size-Model in Latex wie 2015 nicht Statement gegen Stereotype genug. Für 2017 fotografierte Annie Leibovitz fast durchweg sehr zugeknöpfte Frauen in Schwarzweiß, ausgewählt nach Geist, Können und Stärke wie Patti Smith, Serena Williams und Ami Schumer. Im Jahr darauf porträtierte Peter Lindbergh – wieder in Intellektualität verheißendem Schwarzweiß – zarthäutige Hollywood-Schauspielerinnen ohne Schminke, passend zum No-Makeup-Selfie-Trend in den sozialen Netzwerken.

          Die vermeintlich wahren Gesichter von Nicole Kidman, Helen Mirren und Julianne Moore waren schön anzusehen wie Alabasterskulpturen. Und 2018? Wird es immerhin bunt, aber so bunt nun auch wieder nicht, sondern betont schwarz. Der Fotograf Tim Walker bringt ausschließlich Berühmtheiten dunkler Hautfarbe vor die Kamera, Whoopi Goldberg, den als Drag-Queen auftretenden Schauspieler RuPaul und den Rapper Sean Combs zum Beispiel, um eine Lanze für Inklusivität zu brechen, wie er sagt. Ausstaffiert vom Editor-in-Chief der britischen „Vogue“, Edward Enninful, präsentieren sie eine knallbunte Alice-im-Wunderland-Show zwischen Burlesque und Barock-Punk. Das ist schön anzusehen und gut gemeint, aber die Erotik ist bei Pirelli auf der Strecke geblieben.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

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