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Piratenpartei : Indianer

  • -Aktualisiert am

Keine Chefpiratin mehr: Julia Schramm Bild: dapd

„Der beste Vorstand aller Zeiten“ hat an einem Tag zwei von neun Mitgliedern verloren. Im Kern leiden die Piraten nicht unter den vielen Widersprüchen, sondern an einem wirklichen Paradox.

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          Aus neun Ämtern besteht der Vorstand der Piratenbundespartei. An diesem Freitag traten gleich zwei der Personen, die sie ausfüllen, von ihnen zurück. Julia Schramm nach reichlicher Überlegung und ab sofort und Matthias Schrade eher ad hoc und auch nur so halb. Und nun? So richtig weiß niemand, was diese Rücktritte bedeuten, am wenigstens übrigens noch die Piraten selbst.

          Zu Parteitagen, zuletzt in Neumünster, nimmt sich die Partei zwei Tage Zeit dafür, ihre Vorstände zu wählen. Nach der letzten Wahl, die die anwesende Basis im April in Anspruch nahm, hieß es von den prominentesten Köpfen der Partei: „Der beste Vorstand aller Zeiten“. Es war ein Ausspruch für den Moment. Ein Irrtum war er nicht, aber Anzeichen einer Verwirrung. Denn die Frage, weshalb überhaupt so aufwendig ein Vorstand gewählt werde, von einer Partei, die nichts neben ihrer hyperaktionistischen Basis akzeptiert, war nicht zu erfahren: „Weil es das Parteiengesetz erfordert“, war die überzeugendste Antwort, sie kam von Marina Weisband, die damals das Amt der politischen Geschäftsführerin verließ, so dass ihr der seit Anbeginn umstrittene Johannes Ponader folgte.

          Ein halbes Jahr nach der Wahl gilt der gesamte Vorstand als zerstritten. Doch das, was eigentlich zu diskutieren ist, bleibt in den Streitereien außen vor. Die vielen Konflikte, die ihnen folgende Lagerbildung in der Basis und die Bindung des politischen Engagements durch Personalfragen ruhen offenbar nach sechs Jahren Parteigeschichte noch immer auf der selben Frage: Wozu eigentlich?

          Im Kern leiden die Piraten nicht unter den vielen Widersprüchen, sondern an einem wirklichen Paradox. Sie müssen über eine Hierarchie entscheiden, die sie ablehnen. Paradoxien auszuhalten ist eine Tugend in der modernen Gesellschaft; man kann tatsächlich jedes Jahr aufs neue den besten Vorstand aller Zeiten wählen. Doch glücklich macht das nicht, insbesondere dann nicht, wenn die Zielsetzung „Upgrade der Demokratie“ lautet.

          Wir brauchen eine Indianerpartei

          Würden die Piraten, anstatt alles selbst zu erfinden, einmal auf alte Weisheiten hören, könnte man ihnen raten, mit dem Versuch aufzuhören, Paradoxien aufzulösen. Stattdessen müssten sie versuchen, sie abzulösen. Dann ergäbe sich auch wieder Spielraum. Es sagt ja niemand, dass neue Politiker alle in einem Boot mit Kanonen auf Spatzen schießen müssen. Es stünden auch andere Metaphern parat.

          Möglich wäre in kleinen Grüppchen durch die Prärie zu treiben, leicht bewaffnet, den Horizont im Blick, in einer Welt, in der kleine Jungs und große Helden ihren Platz finden und noch die merkwürdigsten Rufe als ernsthafte Verlautbarungen verstanden werden. Wir brauchen eine Indianerpartei.

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