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Steinway contra Bösendorfer : Flügelkampf

  • -Aktualisiert am

Nicht ohne meinen Bösendorfer: András Schiff, schon 2005 in der Weimarhalle in Weimar. Bild: dpa

András Schiff will nicht mehr bei der Schubertiade auftreten: Das Publikum passt ihm nicht, die Kollegenschaft nicht, vor allem nicht die Klavierfirma. Vor lauter Ressentiments steigert er sich in einen Wahn hinein.

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          Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine Posse, was dieser Tage aus Schwarzenberg und Hohenems an die Öffentlichkeit dringt: Der ungarische Pianist Sir András Schiff hat sich mit dem wunderbaren Festival der Schubertiade, wo er seit Jahren Stammgast war, überworfen. Er kündigte an, auf alle zukünftigen Auftritte dort zu verzichten, stellte, wie der Geschäftsführer des Festivals, Gerd Nachbauer, nun in einem offenen Brief an alle Abonnenten mitteilt, „die Beurteilungskompetenz des Schubertiade-Publikums in Frage und äußerte sich abschließend noch sehr negativ über eine ganze Gruppe von bei uns regelmäßig auftretenden Künstlern“. Schiff passt also das Publikum nicht, ihm passen die Kollegen nicht, vor allem aber passt es ihm nicht, dass die übrigen Pianisten auf einem Flügel der amerikanischen Firma Steinway spielen und ihn auch noch loben. Schiff nämlich bevorzugt Flügel der Wiener Firma Bösendorfer, was ja sein gutes Recht ist, doch hetzte er in seinen Meisterkursen beim Festival so heftig gegen Steinway, dass die Schubertiade in Schwierigkeiten kam, nachdem ein niederländischer Kritiker die Diffamierungen publik gemacht hatte.

          Seit Jahren schon pestet Schiff gegen Steinway und behauptet, auf einem Bösendorfer seien ganz andere Schattierungen des Pianissimos möglich; außerdem habe sich bei Bösendorfer der Geist der Wiener Hammerflügel aus der Zeit Beethovens und Schuberts erhalten. Nun war kürzlich beim Hindsgavl Festival in Dänemark zu erleben, wie der russische Pianist Arcadi Volodos auf einem Steinway-Flügel bei Musik von Franz Schubert ein bebendes, erlesen schimmerndes Pianissimo erreichte, wie es nur auf einem Clavichord möglich zu sein schien. Grigory Sokolov imitierte in der vergangenen Woche in Salzburg bei Beethovens C-Dur-Sonate op. 2 Nr. 3 den perlenden Klang eines Wiener Hammerflügels mit Lederhämmerchen aus der Bauzeit um 1790 – auf einem modernen Steinway! Aber die russische Schule mit ihrem Klangsinn und ihrer Lust an der Virtuosität – auch im Farblichen – ist Schiff schon lange zuwider. In einem Interview mit dem Magazin „Partituren“ behauptete er 2007, die „ursprüngliche Kultur Ungarns“ wurzele in der „Wiener Tradition“ und komme aus der Habsburger-Welt. „Die russische Schule spielte so gut wie gar keine Rolle. In Ungarn wurde zum Beispiel kein Ton Rachmaninow gespielt.“

          Die Wahrheit ist, dass in Wien der polnische Pianist Teodor Leszetycki von 1878 bis 1915 unterrichtete. Er hatte zuvor zusammen mit Anton Rubinstein das Konservatorium in Sankt Petersburg und die „russische Schule“ des Klavierspiels mitbegründet. Nach dessen Tod erging eine offizielle Anfrage der Stadt Wien an Sergej Rachmaninow, ob er die Klavierprofessur am Konservatorium übernehmen würde, was dieser jedoch ablehnte. Immer deutlicher wird nun, dass András Schiff sich mit alternativen Fakten in einen Wahn von der Reinheit der österreichisch-ungarischen Kultur des Klavierspiels hineinsteigert, der nichts mit der geschichtlichen Wirklichkeit zu tun hat. Auch seine Behauptungen über den Klavierbau werden durch großartige Pianisten täglich widerlegt. Die Schubertiade tut gut daran, einem derart ressentimentbesessenen Künstler keine Träne nachzuweinen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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