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Physiker Michio Kaku im Gespräch : Von Stabilität kann noch keine Rede sein

  • Aktualisiert am

Michio Kaku Bild: ASSOCIATED PRESS

Michio Kaku ist der populärste Physiker Amerikas. Sein 2008 erschienenes Buch „Physik des Unmöglichen“ kam bis in die Bestsellerlisten. Ein Gespräch über die Zukunft von Fukushima.

          Vor ein paar Wochen haben Sie Fukushima als tickende Zeitbombe bezeichnet. Gestern haben nun erstmals nach dem Unglück Arbeiter den Reaktorblock 1 betreten. Besteht jetzt immer noch Gefahr?

          O ja! Wir befinden uns in einem Rennen gegen die Zeit. Es könnte abermals zu einem Nachbeben, zu einem Leck in einer Rohrleitung kommen. Wenn das passierte, wäre es unausweichlich, alle Arbeiter wieder von dort zu evakuieren. Die Katastrophe würde dann von vorne beginnen. Alles befände sich in freiem Fall. Ohne Arbeiter an Ort und Stelle gäbe es kein Kühlwasser mehr für die geschmolzenen Brennstäbe. So könnte in drei Reaktoren gleichzeitig eine Kernschmelze eintreten.

          Wieso gibt es aktuell noch Strahlung?

          In Reaktor 2 gab es wahrscheinlich den gefährlichsten Schmelzprozess. Wir amerikanischen Physiker nehmen an, dass die Reaktorhülle durchgeschmolzen ist. Obwohl die Reaktorkerne mit Meereswasser überflutet werden, tritt nämlich weiterhin Strahlung aus.

          Neue Ventilatoren für Fukushima

          Und wie geht es weiter?

          Nach den optimistischsten Berechnungen wird erwartet, dass in sechs bis neun Monaten die Talsohle erreicht, also eine Stabilisierung erfolgt sein wird. Von Stabilität kann ja jetzt noch keine Rede sein. Gekühlt wird der Reaktor zurzeit fast ausschließlich von Feuerwehrleuten, die so etwas wie Samuraikrieger sind.

          Befinden die sich noch in Lebensgefahr?

          Ganz sicher! Die Strahlenbelastung ist an einigen Stellen tödlich. Dazu funktionieren manche Strahlungsanzeiger nicht mehr, wir wissen gar nicht, wie hoch die Radioaktivität überall auf dem Gelände ist. Aber eins ist sicher: Wer sich eine Stunde lang an einigen bestimmten Stellen dort aufhält, wird sich übergeben müssen. In zehn Minuten können Arbeiter eine Strahlendosis abbekommen, die sie sich sonst innerhalb eines Jahres eingehandelt hätten. Nach wenigen Stunden einer solchen Kontamination stirbt man.

          Vergleiche mit Tschernobyl sind demnach für Fukushima nicht übertrieben?

          Nach dem Austritt von Jod geschätzt, beträgt die Strahlungsmenge in Fukushima bisher etwa ein Zehntel der von Tschernobyl, wo ungefähr fünfundzwanzig Prozent des Kerns in die Atmosphäre geblasen wurden. Aber erst frühestens in sechs bis neun Monaten werden in Fukushima wieder die automatischen Pumpen funktionieren, und frühestens dann können Reparaturen unternommen werden, die die austretende Strahlung unterbinden. Jetzt ist das noch unmöglich.

          Zum Aufatmen ist es also noch zu früh?

          Es gibt zwei Zeitrahmen. Der eine stammt von der Elektronikfirma Toshiba, der andere von Hitachi. Toshiba schätzt, dass der Reaktor in zehn Jahren komplett abgerissen, das radioaktive Inventar entfernt und der Rest versiegelt werden kann. Das Ergebnis wäre eine Art Grab aus Beton. Hitachi hat einen anderen Plan, der sich über dreißig Jahre erstreckt. Warum dreißig? Der Abriss von Three Mile Island dauerte vierzehn Jahre. Es handelte sich dabei aber nur um einen einzigen Reaktor, und der war minimal beschädigt, mit Ausnahme des Reaktorkerns, dessen Hülle jedoch intakt blieb. In Fukushima sind drei Reaktoren betroffen plus abgebrannter Brennelemente. Die Schätzungen von Hitachi dürften folglich vernünftiger sein.

          In welcher Entfernung vom Kraftwerk werden Menschen später wieder unbesorgt leben können?

          In Tschernobyl beträgt der Radius der Todeszone rund dreißig Kilometer. In Fukushima entwichen zwar geringere Mengen an Strahlung, aber für die Todeszone werden immer noch sechzehn bis neunzehn Kilometer anzusetzen sein. Eine Rückkehr der Menschen, die dort gelebt haben, ist ausgeschlossen.

          Wann werden wir Genaueres wissen?

          Das lässt sich schwer voraussagen. Wenn von heute an keine Strahlung mehr austräte, könnte mit den Aufräumarbeiten begonnen werden. Bislang ist, im Gegensatz zu Jod, noch nicht viel Cäsium entwichen. Aber die Lage ist eben nicht stabil. Strahlung wird weiterhin in die Atmosphäre entlassen, auch jetzt, während wir uns miteinander unterhalten. Tritt mehr Strahlung auf, muss das Evakuierungsgebiet erweitert werden.

          War das Unglück vorauszusehen?

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