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„Bild der Woche“ : Unverheiratet, über dreißig, also unglücklich

  • -Aktualisiert am

Selbstinszenierung in festgelegten Rollen: Galeeva als Ernährerin des Mannes Bild: Albina Galeeva

In Russland gilt es immer noch als Fiasko, wenn eine Frau ohne Mann und Kinder bleibt. Die Fotografin Albina Galeeva widmet ihre erste Arbeit genau dieser gesellschaftlichen Erwartung: „Photos for Mom“.

          „Ich bin achtunddreißig, und ich habe keine Kinder. Meine Mutter sagt, dass ich fügsam sein soll, um einen Mann zu finden. Ein Gynäkologe hat mir empfohlen, ein Kind einfach nur für mich zu machen, ein anderer, Eizellen einzufrieren, für alle Fälle. Die Gesellschaft erwartet Nachkommenschaft von mir, Ehe, eine eigene Wohnung, Instagram verlangt Selfies und die Männer eine Einladung zum Sex“, schreibt Albina Galeeva im Einführungstext zu ihrer Serie „Photos for Mom“. „Photos for Mom“ ist ein schlichtes Spiel mit Stereotypen und Geschlechterrollen, nicht nur für die „Mutter“ gemacht, sondern für die ganze Internet-Community. Das Projekt ist aus dem Geist der „sozialen“ Medien geboren und kehrt zurück auf Facebook auf der Suche nach einem „Like“.

          Albina Galeeva, von Beruf Managerin, in Samara geboren, seit zehn Jahren in Sankt Petersburg, hat sich entschieden, Fotografie zu studieren. Sie ist schon weit über dreißig und hat keine Familie. In Russland gilt das immer noch als gesellschaftliches Fiasko und suggeriert, dass die Frau deshalb unglücklich sein muss. Ihre erste Arbeit widmet Albina gerade dieser gesellschaftlichen Erwartung. Sie inszeniert sich selbst in den festgelegten Rollen. Mütter geben die Muster ihrer Erwartungen weiter, sie möchten ihre Töchter in einem „normalen“ Familienleben sehen, wie alle, als wären sie selbst damit glücklich gewesen.

          Mit ihrer Serie entwickelt Albina Galeeva ein „Geschenk“. Sie schaltet Anzeigen in „Dating“-Portalen, um für ihr Projekt Männer anzulocken, und konstruiert eine gewisse „Mama, bei mir ist alles in Ordnung“-Situation. Es wird ein Moment einer klischeehaften Lebenssituation fixiert, jeweils mit einem anderen Mann. Galeeva schlüpft in die Rollen von „glücklichen“ Frauen, um dem Erlebnis des „So, wie es sein soll“ nachzuspüren.

          Sie macht Selfies in einer Bar, am Meer, auf einer Terrasse, im Baumarkt, in einer typischen postsowjetischen Küche. Er sitzt, sie macht Spiegeleier, er steht mit einem dick eingepackten Säugling vor der Tür eines Geburtshauses, sie sitzt mit einem Kleinkind und einem Mann im Park unter einem Baum. Galeeva „probiert“ verschiedene Männer aus, und die gesellschaftlichen Erwartungen vermischen sich mit den eigenen Sehnsüchten und Träumen. Es gibt sogar einen „African Lover“ (ein Traum der Mutter? Othello-Passionen?). Mit der Thematisierung des „Fehlenden“ durch das Zeigen dessen, was es nicht gibt, bilden diese Fotos einen Gegenpol zur berühmten „Ballad of Sexual Dependency“ von Nan Goldin.

          Die gesellschaftliche Erwartung ist eine enorm repressive Kraft. Als ich zwanzig Jahre alt und in meinem dritten Studienjahr war, machten sich viele Frauen Sorgen um mich, da ich immer noch keinen Bräutigam hatte. Ich spürte die Angst der Frauen um mich herum, Angst davor, dass ich niemals heiraten würde, dass ich alleine bleiben könnte, niemals Kinder bekommen würde, sie hatten Angst vor meinem Unglück, als wäre mein Leben schon zu Ende, und irgendwann wusste ich nicht, ob sie das fürchteten oder ich. Mit vierundzwanzig galt ich bereits als Spätgebärende, schon deshalb hat es sich gelohnt, nach Deutschland umzuziehen und so zehn Extrajahre Jugend zu erwerben.

          Selbstinszenierung in festgelegten Rollen: Galeeva und ihr „African Lover“

          Eine Fotografin, die sich selbst als Teil ihres Projektes betrachtet, ist keine neue Erfindung. Es gibt dafür unendlich viele Formen, bis hin zur unbezahlbaren Schrulligkeit von Cindy Sherman. Die „Photos for Mom“ gehören zu einer großen Tradition der Suche nach romantischen Sujets und Gender-Identitäten. Sie erinnern an Bilder der Finnin Elina Brotherus, die auch sich selbst in verschiedenen Rollen und Räumen inszeniert, aber noch mehr an Suzanne Heintz, die auch ihre Mutter als Ausgangspunkt für ihr Projekt „Life Once Removed“ benennt. Suzanne Heintz ist radikal: Sie kauft Schaufensterpuppen, die sie zu ihrer eigenen Familie macht, und fotografiert sie. Vor kurzem hat Ilmira Bolotyan in Moskau ihre Ausstellung „Rendezvous in the Museum“ gezeigt, für die sie über die Dating-Portale Mamba und Tinder Männer zum Treffen in einem Museum für moderne Kunst eingeladen hat. Diese Männer wussten aber nicht, dass sie Teil eines Projektes werden sollten.

          Albina Galeeva hingegen hat die Männer gewarnt. Auf den Fotos sieht man, wie sie mit der Hand auf den Fernauslöser ihres Fotoapparates drückt. Sie hat die volle Kontrolle über ihr Leben, zumindest in diesem kurzen Moment.

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