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Pharrell Williams : Warum das Urteil gegen „Blurred Lines“ falsch ist

  • -Aktualisiert am

Pharrell Williams und Robin Thicke Bild: AFP

Vergangene Woche befand ein amerikanisches Gericht, dass Pharell Williams für seinen Superhit bei Marvin Gaye abgekupfert haben soll. Eine Entschädigungssumme von fast 7 Millionen Euro wird fällig. Zu Unrecht.

          Bass und Schlagzeug geben den Groove, irgendwas mit sechs Saiten begleitet. Jemand singt. Besonders komplex ist Pop nicht. Auch nicht das musikalische Material, die Akkordfolgen, die Basslinien. Und so kann es passieren, dass im Radio wieder diese hübsche alte Tom-Petty-Nummer „American Girl“ läuft.

          Doch dann war es nur der erste Hit der Strokes, „Last Nite“ von 2001. Petty lud die Strokes damals ein, auf Tour seine Vorgruppe zu sein. Damit gab er gute Erfahrungen weiter: Die Byrds hatten 1977 das Gefühl, Pettys Song stehle wiederum ihren Stil, und dennoch nur kurz gelacht. (Und den Byrds wurde übrigens immer nachgesagt, sich alles bei den Beatles abgeschaut zu haben.)

          Nona, die Tochter von Marvin Gaye, hat einen anderen Humor. Die Sänger Robin Thicke und Pharrell Williams sollen 7,4 Millionen Dollar zahlen, weil ihr Hit „Blurred Lines“ von 2013 der alten Marvin-Gaye-Nummer „Got to give it up“ ähnelt. So die Anklage, der das Gericht sich diese Woche angeschlossen hat. Ausdrücklich seien es dabei nicht Samples, Basslinien oder Melodien, die übernommen wurden – sondern das allgemeine „Feeling“ des Songs.

          Der 1984 verstorbene Musiker Marvin Gaye auf einem Bild aus dem Jahr 1983

          So musste Gaye wohl auch argumentieren. Denn die Tonarten der beiden Lieder sind verschieden, das eine steht in Dur, das andere in Moll. Beide beginnen mit einem klaren Funk-Schlagzeug, in das sich eine Kuhglocke mischt. Das ist auffällig. Und das teilen sie mit Tausenden anderen Nummern der Siebziger. Den kurzatmigen, weichen Bass, der viele Pausen lässt, auch – siehe etwa „Papa was a Rolling Stone“.

          Gayes Song lebt von der hohen, weit nach hinten gemischten Stimme. Thickes Song von einem im Hintergrund gerufenen „hey, hey, hey“-Ostinato und der sehr klaren, überdeutlichen Stimme. Gaye hat die volle Wärme der Siebziger und des Motown hinter sich, Robin Thickes Sound dagegen ist hart und gläsern, wie eine kalte Parodie. Wenn man nicht einige der im Internet mühsam zusammengeklebten Versionen hört, käme man kaum darauf, dass hier etwas plagiiert sei.

          Anleihen machen alle

          Wenn man sich nicht allzu viele Illusionen über das Wesen von Popmusik macht, käme man allerdings auch nie drauf. Denn man könnte genauso gut fragen, wie ein neuer Song sich wohl schreiben ließe, ohne Anleihen zu machen. Die australische Band Axis of Awesome tourt seit Jahren um die Welt mit einem Medley aus Hits, die immer dieselbe musikalische Figur vollführen: Vom Grundton zur Dominante springen, dann eine Stufe hoch nach Moll, dann zu Subdominante. Und wieder von vorn. Also etwa: C-Dur, G-Gur, a-Moll, F-Dur. Wer Klavier oder Gitarre besitzt, möge es probieren und darauf Totos „Africa“ singen, oder den Aha-Hit „Take on Me“. Oder „With or without you“ von U2, oder „Let it be“ von den Beatles. Und hundert andere.

          Dazu passt, dass Pharrell Williams (von dem „Blurred Lines“ ist) vor Gericht angab, das Schreiben des Songs habe etwa eine Stunde gedauert. Pop entsteht aus einem Baukastensystem. Musiker machen Pop so, wie Tischler einen Tisch machen, nicht so, wie Beethoven die Neunte geschrieben hat. Dass Popmusik aller Art heute für uns die einzige Musik ist, ist das Ergebnis eines Prozesses, der vor etwa 120 Jahren begann – Mahlers Sinfonien wurden immer länger, immer schwerer fassbar, Stravinsky und Ravel dehnten den Klangraum in immer seltsamere Areale aus, und dann kam Arnold Schönberg und niemand mehr verstand irgendetwas. Das, was früher ernste Musik oder „Kunstmusik“ hieß, starb bald. Pop ist heute alles und überall. Deswegen vergisst man manchmal, wie formelhaft er ist.

          Wenn, ebenfalls diese Woche entschieden, der Schweizer Jazzer Bruno Spoerri von Jay-Z die Hälfte der Tantiemen des Songs „Versus“ bekommt, ist das ein anderer Fall: Der Rapper hatte die Nummer des Saxophonisten gesampelt und identisch übernommen. Eine fatale Idee ist es aber, ein „Feel“ patentieren zu lassen. Natürlich ist es immer angemessen, das Werk des großen Marvin Gaye zu würdigen und zu ehren, und sei es mit ein paar Millionen. Robin Ticke, der ohne Soul und Motown nicht denkbar wäre, hätte das bestimmt ohnehin gern einmal getan. Bloß, das sagte er nun anlässlich der Plagiatsvorwürfe: „Ich war eigentlich die ganze Zeit high.“

          In den Top Ten klingt alles gleich

          Die Anwälte von Gayes Familie wollen nun jede Verbreitung von „Blurred Lines“ unterbinden, als habe es dieses Lied nie gegeben. Setzt sich das Prinzip durch, steht es arg um die Popmusik. Spanische Wissenschaftler untersuchten kürzlich eine halbe Million Songs der letzten sechzig Jahre. Sie fanden Messwerte für Variationsreichtum, musikalisches Können und auch für Gleichklang. Ihr Ergebnis: Je erfolgreicher ein Genre wird, umso einfacher und ähnlicher werden die Songs. In den Top Ten, darf man nun mit Weihen der Forschung behaupten, klingt alles gleich.

          Wenn zwei verwandte Songs nun immer gegeneinander antreten, wird jedesmal einer verlieren und verschwinden müssen. Denkt man das zu Ende, bleibt am Schluss nur noch ein Lied übrig. Der Ur-Popsong. Bestimmt wird es einer von den Beatles sein. Als vorsichtiger Tip sei vorausgesagt: „Help!“

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