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Phänomenbereichsübergreifend : Rubbel dir eine

Blickt auf einen steilen Karriereweg zurück: Heiko Maas Bild: AFP

Hier wird die Oberschicht „phänomenbereichsübergreifend“ abgetragen: Die Zeit in der sich die Dinge selbst neu erfinden ist vorbei - sie heißen jetzt einfach nur anders, oder sehen anders aus.

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          Kann es sein, dass irgendetwas in diesem Land am Verrutschen ist? Früher saß zum Beispiel Heiko Maas als Oppositionsführer aus dem Saarland in schwarzer Lederjacke in Talkshows und war entweder dagegen oder genervt, weil er aus der Opposition nicht hinauskam. Als Fernsehzuschauer konnte er einem auch schon mal leidtun. Später hat er dann doch noch Karriere in Berlin gemacht, wurde in Nachfolge des Brioni-Kanzlers Schröder sogar zum bestangezogenen Minister ausgerufen. Das kann auch an seinem künftigen Arbeitsplatz nicht schaden, wenn er für Deutschland einen ordentlichen Auftritt hinlegt. Hauptsache, er erfindet sich nicht gleich neu, denn die Zeit dieser Floskel scheint zum Glück zu Ende zu gehen.

          Die Zeit geht eben mit der Zeit, die Menschen und ihr Gerede ändern sich, und sogar aus dem Verfassungsschutz kommen heutzutage Nachrichten, angesichts derer man sich fragt, ob dort noch irgendjemand schwarze Lederjacken trägt – oder Trenchcoats. In einer kleinen Stadt im Frankfurter Speckgürtel spricht kommende Woche eine Mitarbeiterin des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Sie leitet dort eine neu eingerichtete Abteilung, die auf den sehr deutschen Namen „Phänomenbereichsübergreifende wissenschaftliche Analysestelle Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“ hört.

          Ob diese Abteilung intern PwAAuF oder anders abgekürzt wird, ist ebenso unklar wie die Frage, was einen dort als Phänomenbereichsleiter prädestiniert. Wir von der Analysestelle vermuten einfach, dass die Maus kreißte und einen Berg gebar. Wirklich unheimlich im Sinn des Verrutschens aber wurde es einem der Redaktion bekannten Kunden eines in Italien beheimateten Kreditinstituts, das auch im deutschen Bankenwesen eine größere Rolle spielt.

          Der Mann bekam eine neue EC-Karte zugeschickt und mit ihr das übliche Begleitschreiben mit der neuen Geheimzahl, wie stets unter einer silbrigen Schutzschicht verborgen. Die Aufforderung, diese zu entfernen, entpuppte sich unverblümt als Aufruf zum Klassenkampf – und so etwas verschicken die Systemrelevanten, die im Bedarfsfall nach Steuergeld schreien. Wohl selten zuvor wurde eine Revolution phänomenbereichsübergreifend so achtsam intoniert: „Bitte mit leichtem Rubbeln die Oberschicht entfernen!“, stand da geschrieben. „Oberschicht“ ist laut Duden die „Bevölkerungsgruppe, die das höchste gesellschaftliche Prestige genießt“, und „seltener“ die „obere Schicht von etwas“. Von etwas? Bankkunden und Duden-Nutzer – zu den Rubbelwaffen.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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