https://www.faz.net/-gqz-7xhco

Phänomen Bart : Männer in Großstädten

  • -Aktualisiert am

Ein Bart in der Menge Bild: plainpicture/TOBSN

Wer heute noch keinen Bart hat, hat vermutlich morgen einen. Okay, übermorgen. Geht es dabei um eine männliche Kampfansage? Beobachtungen eines erstaunlichen Wachstums.

          6 Min.

          Neulich in einer Bar in Berlin. Rund ein Drittel der männlichen Gäste trägt Bart. Nicht einen kurzen, bei dem man noch die Kinnform erahnt, oder dass überhaupt eines vorhanden ist – nein, es sind genau solche Bärte, wie ich sie eben in „Homeland“ gesehen hatte, und zwar an den Statisten, die pakistanische Taliban darstellen. Es dauert ein paar Minuten, bis ich bemerke, dass ich einige der Bärtigen kenne. Es ist schwer, das festzustellen.

          Im Grunde müssen sie mir winken und ihren Namen dazu sagen. Mir stehen ja nur ihre Augen, Nase, Größe und Bewegungen zur Verfügung, um zu erahnen, wer sich hinter dem Bart verbirgt. Ein paar von ihnen kenne ich nur mit Bart. Ich habe also im Grunde keine Ahnung, wie sie aussehen. Es ist, als würde ich einige Freundinnen nur verschleiert kennen. Einen dieser Männer hielt ich lange für Mitte vierzig. Als ich irgendwann sein wahres Alter erfuhr, war es, als kennte ich mit einem Schlag seinen Sohn.

          Ich musste an ein Interview denken, das ich einmal mit Roman Polanski gemacht habe. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema Bart zu sprechen kamen – ich glaube, es ging um die Ära der Hippies–, jedenfalls sagte er, um das Schöne an dieser Zeit zu illustrieren, damals hätten die Männer den Frauen nahe sein wollen, und das habe sich auch optisch gezeigt. Sie hätten sich die Haare lang wachsen lassen und weite Hosen angezogen, die aussahen wie Kleider. Oder wie die weiten Hosen, die die Frauen damals anhatten. (Und alle hatten Blumen im Haar.)

          Er vertrat die Ansicht, dass die Bartmode von heute eine Kampfansage der Männer an die emanzipierte Frauenwelt sei. Also sozusagen zurück zum männlichsten Männerbild. Zu dem, was Männer und Frauen voneinander trennt. Er fand, diese Mode habe etwas Aggressives. Es war deutlich, dass er für die aktuelle Bartmode keinerlei Sympathien hegte.

          Scheiternde Antikonformisten

          Ich habe meinen subkulturaffinen Friseur gefragt, woher die Bartmode eigentlich kommt. Ich hatte die Vermutung, sie sei in Brooklyn aufgekommen, wo ja einiges herkam, was junge Leute (und solche, die nicht wahrhaben wollen, dass man ihnen ansieht, dass sie schon etwas älter sind) tragen, wenn sie sich partout anders geben wollen als die Mehrheit. Er schüttelte den Kopf. (Er selbst ist übrigens glatt rasiert.)

          Seiner Meinung nach kam diese Mode aus London und nahm ihren Anfang etwa zu der Zeit, als David Beckham anfing auszusehen, als verbringe er morgens mehr Zeit im Badezimmer als seine Frau. Sozusagen als Gegenbewegung zum selbst vor dem Intimbereich nicht haltmachenden Haarentfernungswahn von Männern, welcher wiederum ursprünglich aus der Schwulenszene stamme, denen ja aber die Trends oft schneller weggeschnappt werden, als sie sich einen Schnauzer wachsen lassen können. Tatsächlich scheint niemand zu wissen, wo das mit den modernen Bärten angefangen hat. Was dafür jüngst wissenschaftlich nachgewiesen wurde, ist, warum Hipster überall auf der Welt gleich aussehen.

          Noch so’n Bart

          Es liegt nicht allein daran, dass sie dem herrschenden Trend etwas Konträres entgegensetzen wollen beziehungsweise müssen (was bleibt ihnen qua Hipsterdiktat übrig). Was aber schließlich zu dieser bemerkenswerten Uniformität der Anders-sein-Wollenden führt, ist, dass zwischen dem Ausmachen eines Mainstream-Trends und der Festlegung auf einen sich davon abhebenden Stil erst mal einige Zeit verstreicht. Der Hipster beobachtet zunächst und wartet ab. Es dauert, bis er einen Stil zweifelsfrei als Mainstream ausgemacht hat. Er will dabei wirklich sichergehen. Und in der Pause, die dabei entsteht, formiert sich offenbar an vielen Orten der Welt nahezu gleichzeitig dieselbe, vermutlich einfach naheliegendste Gegen-Idee.

          Weitere Themen

          Einmal am Tag auf den Hof

          Gefängnis 1950 : Einmal am Tag auf den Hof

          Heute unvorstellbar, wie früher Gefängnisse geführt wurden. Schweizer über Kuttelabwehr, Bissspuren und einen Waldgang mit Insassin.

          Topmeldungen

          Er gibt weiter die Richtung vor: Markus Söder am Donnerstag mit Melanie Huml.

          Test-Panne in Bayern : Söders Grenzen

          Der CSU-Ministerpräsident schüttelt sich kurz. Dann ist Bayern wieder spitze. War etwas? Zum ersten Mal in seiner Amtszeit könnte Markus Söder Bayern als Heimat tatsächlich groß genug sein.
          „Das Eis ist gebrochen“: Trump erhält im Weißen Haus Applaus von Mitarbeitern zu dem Abkommen.

          Israel und Arabische Emirate : Es geht um eine Allianz gegen Iran

          Ein doppelter Gewinn für Netanjahu: Israel nimmt diplomatische Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten auf und setzt dafür eine Annexion aus, die ohnehin heikel war. Doch auch andere profitieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.