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Pflüger contra Will : Der Mameluck

  • -Aktualisiert am

Anne Will soll weichen, fordert Friedbert Pflüger Bild: dpa

Friedbert Pflüger verlangt die Absetzung der Talkshow Anne Will, wegen der dort verbreiteten Un- und Halbwahrheiten. Er wendet sich damit gegen das Medium, das ihn selbst bekannt gemacht hat. Und müsste er nicht auch die Absetzung aller Politiker fordern, die bei Will Unwahrheiten verbreiten?

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          Friedbert Pflüger verlangt die Absetzung des Stückes, in dem er selber mitspielt. Er fordert die ARD dazu auf, „Anne Will“ abzuschaffen. Ob das weise von ihm ist? Drängte er bisher nicht stets selbst immer „nur hier herein“ (Lessing), also dorthin, wo er jetzt die Türen verrammeln will?

          Die Deutschen, die Pflüger kennen, kennen ihn aus Talkshows. Seit Menschengedenken ist er zwar keine feste, aber eine doch nachweisbare Größe im Personenverzeichnis des Genres. Was nicht heißt, dass sein Part selbst ein großer wäre. Aber auch kleine Auftritte können große Kontexte haben. Der Mameluck in Lessings „Nathan der Weise“ zum Beispiel hat eine der winzigsten Sprechrollen der Bühnengeschichte. Drei Worte: „Nur hier herein“. Und immerhin hat Harald Schmidt damit seine Bühnenkarriere gekrönt.

          Ein Genre im Dienst der Politik

          Man stelle sich vor, nach unzähligen Vorstellungen rebelliert der Mameluck. Er unterbricht das Stück, geht an die Rampe und fordert vor staunendem Publikum die Absetzung des Stücks, das ihn bekannt gemacht hat. Er komme nicht zu Wort, die Rollen des Stückes seien falsch interpretiert, der Regisseur missbrauche die Bühne, er fordere die zuständige Gremien dazu auf, die Konsequenzen zu ziehen. Natürlich hinkt dieser Vergleich. Pflüger war bei der Talkshow gar nicht dabei, die er jetzt so scharf kritisiert. Aber wie er's tut, das ruft nach Deutung des Publikums.

          Friedbert Pflüger

          Man kann an Anne Wills letzter Sendung gewiss manches kritisieren. Wie übrigens auch an der vorletzten, die für manche eine Verherrlichung des Neoliberalismus war. Die Sendung polarisiert. Als sie noch nicht polarisierte, kritisierte man sie dafür, dass sie nicht polarisierte. Mittlerweile ist „Anne Will“ sehr erfolgreich. Dächte man über die Fehler der Sendung nach, man käme sehr schnell auf die Mängel des Genres selbst - eines Genres, das gerade wegen seiner Schwäche niemandem so sehr nutzt wie der Politik.

          Ein Streiter für das Einzelinteresse

          Dass die Verschuldung des Stadtstaates Berlin nicht korrekt dargestellt wurde, wie in der letzten Sendung geschehen, ist journalistisch ärgerlich - und ärgert die Redaktion ohne Zweifel am meisten. Man könnte freilich fragen, wo ein politischer Diskurs eigentlich hingekommen ist, der fordert, die abzusetzen, denen bei der Benennung der stattgefundenen Verschuldung ein kleiner Fehler unterläuft, aber nie auf die Idee käme, die abzusetzen, die sie zu verantworten haben.

          Eine Politik, die der Demagogie eines Oskar Lafontaine etwas entgegenzusetzen weiß, ist nötiger denn je. Gerade Lafontaine beweist, wie wichtig als Antwort auf ihn das richtige Reden im falschen wäre und dass gerade das Bürgertum Anwälte seiner Lebensform benötigt. Pflügers Argumentation ist unbürgerlich. Denn wenn die Verwechslung partikularer Interessen mit dem Gemeinwohl so weit geht, dass die Absetzung eines journalistischen Formats gefordert wird, das ja selbst nur aus Politikern besteht, dann stellt sich zwingend die Frage, ob ihm, der zuletzt Flugplätze küsste, das viele Kerosin gut getan hat: „Die Sendung ,Anne Will‘ zeichnet sich immer mehr durch Un- und Halbwahrheiten und bewusste Verzerrung von Sachverhalten aus.“

          Tempelhof öffnen, Will schließen

          Man wüsste jetzt gerne, was seine Kollegen dazu sagen. Bisher jedenfalls redeten in der Sendung „Anne Will“ fast ausschließlich Politiker. Talkshows sind Veranstaltungen, in denen Politiker so tun, als ob ihnen niemand beim Reden zusähe, also frei. Wenn die Gesamtheit dieses Redens sich in Pflügers Resümee durch Unwahrheiten „auszeichnet“ (!), dann sollte er für die Absetzung der Politik selber wirken.

          „Anne Will“, um ihn noch einmal zu zitieren, „hat nicht gehalten, was sich viele - auch ich - von ihr versprochen haben.“ Und hier, in der Parenthese, in diesem „auch ich“ ist er nun doch Lessings Mameluck. Was eigentlich, fragt man sich, hat er sich versprochen? Die bessere Sabine-Christiansen-Republik, die, wie wir spätestens seit der letzten Bundestagswahl wissen, über Jahre ein Stück gegeben hat, an das niemand glaubte? Nein, er schlägt Frank Plasberg vor. Plasbergs Sendung heißt: „Hart aber fair“. Pflüger rühmt: Plasberg habe „das Zeug zum harten, aber fairen Fragestellen“.

          Das kennen wir schon: Tempelhof hat das Zeug zum Flughafen. Das ist ungefähr das Reflexionsniveau der Friedbert-Pflüger-Debatte. Tempelhof öffnen, Will schließen. Das werden die beiden Sätze sein, mit denen Friedbert Pflüger auf der Bühne unserer inneren Einbildungskraft überdauern wird. Ein Auftritt immerhin. Aber es sind ja nur zwei Sätze.

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