https://www.faz.net/-gqz-9zx2t

Pandemische Sprachverwirrung : Pfingstwunder

Das schöne am Fliegen: Keiner redet einem rein. Bild: dpa

Klarer Fall von denkste: Man hoffte für einen kurzen Moment, die Pandemie führe zu einer Art weltumspannenden Verständnisbereitschaft. Davon ist nichts mehr zu spüren. Dabei wünschen wir uns nur etwas „Heiligen Geist“.

          1 Min.

          Plötzlich redeten seine Jünger in allen Sprachen, jeder verstand jeden, und die Apostel fanden den Mut, die Botschaft ihres Herrn Jesu zu verkünden. Sie hockten nicht länger im Verborgenen, sondern gingen hinaus, um die Menschen zu gewinnen. „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ So heißt es in der Apostelgeschichte zu einer Begebenheit, die seither das „Pfingstwunder“ genannt wird und als Gründung der Kirche gilt.

          Rund zweitausend Jahre später erleben wir zu Pfingsten die – versuchte – Umkehrung, gewissermaßen den Turmbau zu Babel mitsamt Sprachenverwirrung, in der plötzlich keiner mehr keinen versteht. Konnte man in den zurückliegenden Wochen und Monaten der Corona-Krise den Eindruck haben, ein wenig „Heiliger Geist“ mache sich breit im Sinne einer Verständnisbereitschaft, was die Menschheit macht und ausmacht, was da eigentlich mit der Welt geschieht und wie man am besten damit umgeht, treten nun die Krakeeler zur Kakophonie an und machen solche, die die Pandemie zu ihrem Vorteil nutzen wollen, was sie schon immer taten.

          China etabliert eine neue Weltordnung und unterwandert internationale Organisationen, Putin und Assad führen weiter Krieg, Erdogan verwandelt die Türkei weiter in eine Diktatur, Trump legt sich mit den Silicon-Valley-Konzernen an, Europa ist hilflos und mit sich selbst beschäftigt, wie immer. Die „Bild“-Zeitung veranstaltet Hetzkampagnen, Ministerpräsidenten lockern den Lockdown nach Gutdünken, „besorgte Bürger“ marschieren am Wochenende auf, Extremisten von links und rechts sind sich einig, Nicht-Maskenträger fühlen sich in der Öffentlichkeit frei und überlegen, SUV-Fahrer brettern mit 250 Sachen über die Autobahn. Es wird gepöbelt, gedrängelt, es wird voller und enger, es muss doch wieder losgehen, damit bald alles wieder ist, wie es war.

          Doch muss es mit der täglichen Dosis durchlauferhitzter Non-Nachrichten, Man-Spreading, bis die Hüfte kracht, medialen Hahnenkämpfen, bis die Ohren bluten, plus Inlandsflug in der Businessclass und dreifacher Plastikverpackung des Morgensnacks einfach so weitergehen? Ein wenig „Heiligen Geist“ auch zu diesem Pfingstfest fänden wir gar nicht schlecht. Denn die Krise ist noch nicht vorbei. Und die nächste kommt bestimmt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf einem Feld in Hessen kann der Jäger erlegen, was er selbst später essen wird.

          Auf der Pirsch : Warum es immer mehr Jäger in Deutschland gibt

          Der Jagdschein erfreut sich in Deutschland zunehmender Beliebtheit. Dahinter steckt die Liebe zur Natur und ein soziales Erlebnis – aber auch der Wunsch, selbst anders zu konsumieren.
          Donald Trump in Ohio am 6. August

          Streit um Wechat : Trump bannt Chinas Lebensader

          Die Super-App Wechat ist das chinesische digitale Taschenmesser für alles. In Amerika kommunizieren mehr als drei Millionen Chinesen nach Hause – wie Wendy Tang. Die Studentin glaubt, der amerikanische Präsident schlage seine letzte Schlacht.

          Kontaktlos bezahlen : Karten ohne Ende

          Wegen Corona bezahlen die Deutschen viel mehr mit Karte. Für die Banken lohnt sich das bargeldlose Geschäft. Kein Wunder, dass sie immer neue Karten herausbringen.

          Verkehrswende : Wem gehört die Straße?

          Soll Frankfurts nördliches Mainufer für Autos gesperrt bleiben? Ein Unternehmensberater streitet darüber mit einem Ortsvorsteher. Ihre Fehde zeigt, warum die Verkehrswende so schleppend vorangeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.