https://www.faz.net/-gqz-a246s

Macron im Libanon : Der Gendarm von Beirut

Empfangen wie ein Retter: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Beirut. Bild: AP

Die Wut der Libanesen auf ihre Politiker ist groß. Einige verlangen jetzt gar, dass ihr Land wieder französisches Mandatsgebiet wird. Eine Forderung, die wenig realistisch ist.

          1 Min.

          „Was haben die Römer je für uns getan?“ Diese rhetorische Frage stellt im Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“ der Anführer der antirömischen Rebellengruppe Volksfront von Judäa seinen Kämpfern. Die lassen ihn jedoch erkennen, dass die Fremdherrschaft, die er stürzen will, vielleicht gar nicht wenig vorteilhaft gewesen ist für sein Land und Volk. Ähnlich verhält es sich derzeit im Libanon, nur dass angesichts der dortigen Zustände die Satire ernstgenommen wird. Einige Libanesen fühlen sich derart am Ende ihres Lateins, dass sie wieder Französisch hören wollen. Vierundzwanzig Jahre verwaltete die Mandatsmacht Frankreich nach dem Ersten Weltkrieg den Libanon. Dadurch entstand das Land überhaupt erst in seinen heutigen Grenzen. Und diese Phase erscheint angesichts der traumatischen Gegenwart, die der Libanon erlebt, nun als gute alte Zeit, als willkommene Alternative zu dem, was einheimische Politiker im selbständigen Libanon anrichten.

          Forderungen zwischen Ironie und Ernst

          Der Besuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im zerstörten Beirut, bei dem ihn am vergangenen Donnerstag nicht wenige wie einen Heilsbringer begrüßt hatten, wurde begleitet von einer beispiellosen Kampagne in den sozialen Medien, die nach seiner Abreise immer noch anhielt. Der Volkszorn auf die libanesische Elite hat eine Dimension erreicht, dass nun sogar die Rückkehr der Mandatsmacht eingefordert wird: „Komm und bring das Mandat mit, diese Unabhängigkeit wollen wir nicht“, schrieb die Schauspielerin Carmen Lebbos vor der Ankunft von Macron auf ihrem Twitter-Account über einem Bild des französischen Präsidenten.

          Was in ihrem Fall sarkastisch dahergesagt sein mochte, wurde für andere bitterer Ernst: In einer Online-Petition, die mittlerweile von knapp 60.000 Menschen unterzeichnet worden ist, verlangen Aktivisten, dass der Libanon zumindest für zehn Jahre wieder französisches Mandatsgebiet werden soll. Die eigenen Offiziellen hätten sich als unfähig erwiesen, das Land zu führen. In unserer von Debatten um Kolonialisierungsfolgen geprägten Zeit ist das eine pikante Pointe. Die Forderung verklärt die Vergangenheit – war doch die französische Mandatszeit auch Wegbereiter für einige der bis heute existierenden Probleme des Landes. Und so sehr sich Emmanuel Macron in der Rolle des eiligen Helfers gefallen hat, so wenig wird er bereit sein, den Gendarm von Beirut zu geben.

          Weitere Themen

          Patienten als Devisenbringer

          Fernsehfilm „Kranke Geschäfte“ : Patienten als Devisenbringer

          Urs Eggers letzter Film „Kranke Geschäfte“ handelt von Medikamentenversuchen in der untergehenden DDR. Die Geschichte ist gut recherchiert und skandalisiert nicht. Durch Corona kommt eine besondere Dimension hinzu.

          Topmeldungen

          Ein Foto Alexej Nawalnyjs mit seiner Frau Julia, das der russische Oppositionspolitiker am 25. September auf Instagram postete.

          Fall Nawalnyj : Der Kreml verstrickt sich in Widersprüche

          Die russische Regierung macht unterschiedliche Angaben zum Fall Nawalnyj. Dabei hat Präsident Wladimir Putin die Vergiftung mit Nowitschok nun bestätigt – indirekt.

          Klimastreik in Frankfurt : „Die Normalität ist pervers“

          Fridays for Future will sich breiter aufstellen: Mit anderen Gruppen demonstrieren die Klimaschützer nun als „intersektionales Bündnis“ gegen Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus und Sexismus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.