https://www.faz.net/-gqz-8i2iq

Peter Thiel : Der Milliardär als Opfer

  • -Aktualisiert am

Der Freund des Hulk: Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel Bild: AP

Der Paypal-Gründer Peter Thiel hat heimlich einen Prozess finanziert, der das amerikanische Online-Magazin „Gawker“ in die Insolvenz trieb. Warum der Tech-Milliardär für Hulk Hogan kämpfte – und gegen die Politik

          Vor Bollea vs. „Gawker“ hätte niemand den Tech-Milliardär Peter Thiel, den Wrestler Hulk Hogan und den Philosophen und Literaturwissenschafter René Girard in einem Satz genannt. Seit Hogan mit seiner Verleumdungsklage gegen das Online-Magazin „Gawker“ Erfolg hatte, und seit sich Thiel als Hauptinvestor in Hogans Klage zu erkennen gab, liegt das sehr viel näher.

          Um die Geschichte kurz zu rekapitulieren: Das Klatschportal „Gawker“ hatte Thiel 2007 als schwul geoutet. Wie ein milliardenschwerer Edmond Dantes scheint Thiel daraufhin heimlich in langwierige Prozesse gegen „Gawker“ investiert zu haben. Seinen Glücksgriff tat er ausgerechnet mit Hulk Hogan (mit bürgerlichem Namen Terry Bollea) - dem blondierten, mittlerweile über sechzigjährigen Kraftprotz aus der World Wrestling Federation. Hogan war 2006 beim Sex mit der Frau des Radiomoderators Bubba the Love Sponge aufgenommen worden. „Gawker“ stellte Auszüge des Sexfilms 2012 ins Netz und Hogan klagte.

          Keine Rache, sondern „Philanthropie“

          Im März fiel das Urteil: 140 Millionen Dollar Schadensersatz für Hogan. „Gawker“ hat inzwischen Insolvenz angemeldet. Wenig später machte Thiel seine Beteiligung an der Kampagne gegen „Gawker“ öffentlich. Seine Rache sei in Wahrheit „Philanthropie“ gewesen, so der Milliardär. Denn was „Gawker“ treibe sei „kein wahrer Journalismus,“ sondern „Mobbing“. Die amerikanischen Medien reagierten konsterniert. Thiels Kampagne bedrohe die Pressefreiheit, Thiel sei der Robin Hood der reichsten 1 Prozent. Sie warnten, dass Thiel sich „Casino-Gerechtigkeit“ erschlichen habe. René Girard machte keiner verantwortlich. Dabei hatte der 2015 verstorbene Romanist von der Stanford University vielleicht mehr mit „Gawkers“ Misere zu tun, als man zunächst annehmen würde.

          Girard hat im Silicon Valley und gerade unter den Tech-Baronen regelrechte Jünger. Und er hat Peter Thiels Denkweise zutiefst geprägt - gerade wenn es um die Frage geht, was ein Opfer ist. Nebst der geradezu Kapitän Ahab-mäßigen Besessenheit, mit der Thiel seinem weißen Wal seit 2007 nachstellte, überrascht die Larmoyanz, mit der sich ein Multimilliardär zum Mobbing-Opfer stilisiert.

          Objekt der Begierde wird zum Sündenbock erklärt

          Den Grund dafür liefert wohl Girards Mimesis-Theorie, die Thiel mit einer aufwendigen Stiftung unters Volk zu bringen sucht - eigene Buchreihe, Konferenzen und Stipendien inklusive. Girards philosophische Anthropologie postuliert, dass alles Begehren die Nachahmung des Begehrens eines anderen sei. Dieses „mimetische Begehren“ erzeuge auch noch im größten Überfluss Knappheit, Konkurrenz und Aggression. Dieser Aggression, so Girard, wurde der Mensch nur dadurch Herr, dass er das gemeinsame Objekt der Begierde zum eigentlichen Störenfried, zum Sündenbock erklärte und es als Opfer darbrachte. Im Moment der Opferung ist das Objekt sowohl schuldig als auch heilig. Auf dieser Ausgrenzung fußt jegliche menschliche Gesellschaft - aber erst Jesus, der Sündenbock, dessen Opfer uns als Schuld begleitet, macht diese Basis sichtbar.

          Weitere Themen

          „The Wild Boys“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Wild Boys“

          „The Wild Boys“, 2017. Regie: Bertrand Mandico. Mit: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel. Start: 23.05.2019.

          Teherans Dilemma

          FAZ Plus Artikel: Irans gespaltene Gesellschaft : Teherans Dilemma

          Krieg oder Frieden? Um die Krise in Iran zu überwinden, müssten Regierung und Volk zusammenstehen. Doch sie leben in unterschiedlichen Epochen. Das wird nirgendwo deutlicher als in der Hauptstadt. Ein Gastbeitrag.

          Die Highlights vom roten Teppich Video-Seite öffnen

          Filmfestival in Cannes : Die Highlights vom roten Teppich

          Glamouröse Kleider, schicke Anzüge, Schuhprobleme, strömender Regen und ein Heiratsantrag... Auf dem roten Teppich des Filmfestivals in Cannes war in diesem Jahr einiges los. Hier sind die schönsten Momente an der Croisette.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Martin Benninghoff

          FAZ.NET-Sprinter : Grüne auf der Main-Stage

          Nach ihrem Wahlerfolg auf europäischer Bühne stimmen die Grünen Siegesgesänge an. Bei der SPD stellt sich nach dem nächsten Debakel die Frontfrau-Frage. Was heute sonst noch wichtig ist, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.