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Peter Sloterdijk : Jubiläum 2012? Kein Thema!

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Freundschaftliche Entfaszinierung einer Nachbarschaft: Charles de Gaulle und Konrad Adenauer Bild: picture-alliance/ dpa

Vier Jahre vor dem fünfzigsten Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags denkt Peter Sloterdijk über das Verhältnis der beiden Staaten nach und entdeckt nicht mehr viele Gemeinsamkeiten. Das deutsch-französische Verhältnis ist banal geworden.

          Wir leben in einem sich nur langsam abschwächenden Taumel des Erinnerns, Gedenkens, Zelebrierens. Jahrestage prägen unsere Aktualität. Da muss auch der Philosoph vorausschauen. 2012 steht an. 2012? Am 8. Juli wird sich „zum fünfzigsten Mal der Tag jähren, an dem Franzosen und Deutsche, vertreten durch ihre für diesmal mit vollem Recht so bezeichneten Staatsmänner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, in der Krönungskathedrale von Reims dem Versöhnungsgottesdienst beiwohnten, der den wenig später unterzeichneten deutsch-französischen Freundschaftsvertrag vom Januar 1963, den sogenannten Elysée-Vertrag, vorwegnahm.“

          Dass in mehr als vier Jahren, „wenn wir die feierliche Handlung in zeitgenössischer Besetzung nachspielen werden“, das Protokoll „für neue Gesten keinen Raum zulassen“ und die Reden der Politiker nichtssagend ausfallen werden, weiß der Philosoph schon jetzt. Er muss schon selber in die Startlöcher. Peter Sloterdijk nimmt Anlauf: „Was ich im Folgenden andeute, lässt sich am besten als Vorübung für einen philosophischen Kommentar zu den kommenden Gedenktagen begreifen.“ Der Philosoph publiziert ihn als „Theorie der Nachkriegszeiten“.

          Wohlwollende Entfremdung

          Peter Sloterdijk gehört zu den wenigen deutschen Intellektuellen, die sich für Frankreich interessieren und in Paris ein Echo finden. Umso gespannter nimmt man seinen Essay über die deutsch-französischen Beziehungen, der bereits auch ins Französische übersetzt wurde, zur Hand. Er geht auf eine Rede zurück. Auf den Jahrestag 2012 beruft sich Sloterdijk auch deshalb, weil es „aktuell zum Thema nichts zu sagen gibt, was nicht vom Tonband kommen könnte“. Kein Thema also - und zu seiner Illustration eine „Schlussthese“ (Sloterdijk), die er ebenfalls schon im ersten Kapitel auswalzt: „Es kann aufgrund der zu charakterisierenden stark abweichenden Nachkriegsprozesse in beiden Ländern keine Beziehungen zwischen ihnen geben.“ Sloterdijk spricht von „Nicht-Beachtung“ - sie wird noch zu seinem Programm - und einer „benignen Entfremdung“.

          Er denkt voraus, weil momentan nichts geschieht: Peter Sloterdijk

          Von seinem hochtrabenden und abgeklärten Tonfall kommt Sloterdijk zum Glück stellenweise ein bisschen ab. Seine These aber zieht er konsequent durch. Er formuliert schöne Gedanken über Nachkriegszeiten und vergleicht Frankreich 1945 mit Italien 1918. Die Niederlage von 1940 wurde zum trügerischen Sieg - eher kampflos errungen. Gaullisten und Kommunisten teilten die Lebenslüge. Der Linken aber bescheinigt Sloterdijk zusätzlich eine „zweite Fälschungsfront“: Sie nahm für sich in Anspruch, an Stalins Seite mit der Roten Armee den Krieg gewonnen zu haben.

          Entfaszinierte Nachbarschaft

          Peter Sloterdijk hat die deutsch-französischen Beziehungen nach 1945 im Auge und blickt auf die Große Revolution und Napoleon zurück. Mehr als 150 Jahre erstreckten sich die von den „französischen Angriffen ausgelösten Reaktionsketten“. Seither ist alles ganz anders. Die Bewohner Europas haben „den geschichtlichen Passionen den Rücken gekehrt“. Den Deutschen bescheinigt der Philosoph deswegen ein „Syndrom der anmaßenden Schwäche“: „Sie neigen zu der Überzeugung, sie hätten aufgrund ihrer vergangenen Verbrechen einen höheren Anspruch darauf erworben, in einer Welt zu leben, in der es keinen Krieg gibt.“

          Die vielen Debatten nach 1945, die deutschen Anleihen bei der französischen politischen Kultur (bis zum eigenen Kulturminister), Marx, Heidegger und Nietzsche in Frankreich, den Pazifismus der Friedensbewegung, Jugoslawien, Sartre in Deutschland - all das klammert Sloterdijk aus. Das hat es nicht gegeben, weil es in seiner Theorie schon nicht mehr gebraucht wird. Fasziniert, aber etwas widerwillig zitiert er René Girards großes Buch über Clausewitz. Es widerspricht seiner Banalisierung der deutsch-französischen Kultur. Ermöglicht ihm aber den großen Sprung: „In Reims haben de Gaulle und Adenauer ihre Nationen entnapoleonisiert und damit den Weg zu einer entfaszinierten Nachbarschaft geöffnet.“

          Ein Friedensvorbild für die Welt

          Etwas vorlaut macht Sloterdijk das von ihm propagierte gegenseitige Ignorieren als Heilsmittel zum Vorbild für Indien und Pakistan, Israel und seine Nachbarn „und virtuell auch schon die USA und China“. Dass durch ihre Versöhnung in Reims die ganze Welt befriedet werden könnte und sollte, haben sich Adenauer und de Gaulle wohl in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Zu Recht weist Sloterdijk darauf hin, dass auf beiden Seiten „Söhne der katholischen Kirche“ in der Kathedrale Frieden schlossen. Eher unfreiwillig demonstriert er mit seinem Essay, dass die Katholiken und die Politiker zu diesem Prozess sehr viel mehr beisteuerten und visionärer waren als die Philosophen.

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