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Peter Rühmkorfs Zettelkästen : Nachlass eines Paradiesvogels

  • -Aktualisiert am

Lust und Liebe, Mädchen und Brüste: In Peter Rühmkorfs Zettelkästen geht es durchaus sinnlich zu Bild: Jan Bürger/DLA

Am bombensicheren Plätzchen lagert noch viel Pulver: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach präsentiert Stücke aus Peter Rühmkorfs Nachlass. Sie bestätigen das Bild vom großen Sprachkünstler und scharfzüngigen Kritiker.

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          Der Gedanke daran, was noch für Geheimnisse im deutschen Literaturarchiv Marbach schlummern, könnte manchem schier den Schlaf rauben. Besonders alarmiert sollte sein, wer selbst zum Literaturbetrieb gehört und einmal mit dem Kollegen Peter Rühmkorf zu tun hatte. In dessen Nachlass nämlich ruhen wohl noch einige besonders scharfzüngige Einschätzungen der Menschen seines Umgangs und Metiers – aber die sind teils so privat oder heikel, dass sie noch eine Weile unter Verschluss bleiben müssen. Einen kleinen, spitzen Vorgeschmack immerhin gab es nun: „Bei Handke kommt doch nur Magermilch – der Mann ist doch gemacht!“, wetterte Rühmkorf etwa einmal.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Ein „eigenartiges, mir selber nicht ganz begreifliches Entzücken“ dagegen empfand er 1991 bei einer Begegnung mit dem Dichterkollegen und Hanser-Verleger Michael Krüger, an dem er einen „animalischen Magnetismus“ bemerkte, doch auch hier fehlt die Schärfe nicht: „Im Gegensatz zu seinen, sagen wir mal: benfatto-Gedichten hat seine leibliche Erscheinung etwas Improvisiert-Phosphoreszierendes, was ich bewundere, selbst wenn er mir die Tour vermasselt.“ Da stand nämlich auch noch eine „blonde Beauty“ dabei, allerdings „derartig einseitig angefixt von Michel, dass ich mir weder Mühe noch Hoffnungen machen musste“.

          Bild: Jan Bürger/DLA

          Solche Aperçus finden sich in Rühmkorfs bislang unveröffentlichten Tagebüchern, in die Jan Bürger, Stephan Opitz und Joachim Kersten nun erste Einblicke gaben. Der Marbacher Archivar und die beiden Testamentsvollstrecker Rühmkorfs zeigten Archivalien und lasen engagiert daraus vor, oft zur Erheiterung, wie sie Rühmkorf mit seinem typischen Kontrast zwischen hohem Stil und vulgärer Fleischlichkeit so einzigartig zu erzeugen wusste. Joachim Kersten rief diesen Gegensatz auch stimmlich noch einmal herrlich zurück ins Leben, etwa beim Vortrag einer Rühmkorf-Notiz von einem gemeinsamen Essen am Wannsee mit einem anderen Dichterkollegen: „Gernhardt Gulaschsuppe aus handgebackenen Brottiegeln, was mir so pervers wie zünftig schien. Ich: Tafelspitz, Meerrettich, Zartes, köstlich, schlürfte, seufzte und stöhnte vor Hunger und Entbehrung, Erfüllung.“

          Das große Chaos...

          Bei der ersten großen Tagung fünf Jahre nach Peter Rühmkorfs Tod stand die Lyrik im Mittelpunkt: Man diskutierte über seine dichterische Selbstinszenierung und die Frage, ob es bei ihm ein bewusst konzipiertes Spätwerk gab, man ehrte den Dichter durch stupende lyrische und musikalische Darbietungen in Erinnerung an seine Verbundenheit mit dem Jazz. Vor allem aber gab der Anlass Gelegenheit zu einer ersten Bilanz über die ganze Breite dieses größten Einzelnachlasses des Deutschen Literaturarchivs.

          Bild: Jan Bürger/DLA

          Er umfasst, wie der Bibliothekar Christoph Hilse ausführte, insgesamt 683 Kisten, davon allein 45 mit Gedichtentwürfen und insgesamt 83, die noch gesperrt sind. Zu großen Teilen war es bereits ein Vorlass, den Rühmkorf selbst seit 1985 schrittweise einlieferte, weil ihm das „bombensichere Liegeplätzchen“ in Marbach behagte, und den er auch schon vorzusortieren begann – wenn auch nicht mit allzu großer Ordnungsmacht, wie Joachim Kersten nun anmerkte.

          ... birgt noch so manchen Schatz

          In der Fülle der Dokumente finden sich Tagebücher, Redemanuskripte, vor allem aber noch sehr viele der vom Dichter so genannten „Lyriden“, also sternschnuppenhafte Einfälle, von denen man einige in Rühmkorfs letztem zu Lebzeiten erschienenen Gedichtband „Paradiesvogelschiss“ fand. In welchem Maße dieser Nachlass die Forschung bereichern kann, zeigte sich exemplarisch beim Vortrag von Stephan Opitz über Rühmkorfs Werkkomplex zum Minnesänger Walther von der Vogelweide, der auch eine interessante Korrespondenz mit dem Germanisten Peter Wapnewski zeitigte und von einem Ringen zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Umgang mit lyrischer Übertragung zeugt.

          Zu den stärksten neuen Eindrücken zählte der, dass Rühmkorf früh einen lyrischen Zettelkasten mit sehr besonderen Reitern pflegte. Darin finden sich Aphorismen zwischen lichtenbergischer Helle und nietzscheanischen Hammerschlägen: „Wo ich denke (formuliere) wächst kein Gras mehr“. Im Vergleich mit Oscar Wilde hält der Dichter sich „für den Geistreicheren“. Aber auch viele dieser Zettel müssen noch unter Verschluss bleiben. Das Minutiöse werde eben leicht grotesk und verletzend, merkte Jan Bürger dazu an. Ja, es schlummert noch viel Hochtiefes, Paradiesfäkalisches in Rühmkorfs Kisten, manche davon vielleicht der Büchse der Pandora nicht unähnlich, wie sie schon, gestaltet von Horst Janssen, den Umschlag der Gesammelten Gedichte bis 1975 zierte.

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