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Handkes Werke im Antiquariat : 3723 Treffer

Die Handke-Regel: Je umstrittener das Buch, desto höher sein Preis im Antiquariat. Bild: dpa

Bücher sind zwar keine Aktien, aber der Nobelpreis bleibt auch auf dem Markt für gebrauchte Bücher nicht ohne Wirkung. Wie hoch steht Handke hier im Kurs?

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          Er kommt von Tolstoi. Er kommt von Homer. Er kommt von Cervantes. Hat er selbst gesagt. Aber während man manche Werke dieser Klassiker auf den einschlägigen Marktplätzen des Internets für gebrauchte Bücher bereits für einen Euro oder wenig mehr bekommen kann, sind die Antiquariatspreise für ein Werk Peter Handkes in jüngster Zeit drastisch gestiegen. Muss, wer alle oder doch fast alle Bücher, die Handke im Laufe seines Schriftstellerdaseins veröffentlicht hat, sein Eigentum nennen kann, als reich gelten?

          Neunzig Handke-Titel, grob geschätzt, dazu vielleicht noch seine Übersetzungen, von Adonis über Walker Percy bis Sophokles und Shakespeare – ist das schon Reichtum, ein Vermögen, ein wahrer Schatz womöglich? Wie eigentlich immer bei diesem Autor gibt es mehrere Antworten. Während die einen diese Frage ohne jedes Zögern und mit Begeisterung bejahen werden, dürften andere sich mit Schaudern abwenden, während die Dritten es vorziehen, erst noch einmal genauer hinzuschauen.

          Homers Vorsprung ist gewaltig

          Im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, der gemeinsamen Internetplattform professioneller Antiquare, führt die Suche nach dem Autor Peter Handke zu 3723 Treffern. Cervantes hat einen minimalen Vorsprung (3786), Tolstoi kann sich mit 10 149 Treffern deutlich absetzen. Homer kommt auf formidable 48 594 Einträge, aber der ist ja auch schon einige Jahrhunderte länger im Geschäft. All das sagt noch nicht viel über die Nachfrage aus. Oder vielleicht doch? Denn einer der meisterwähnten, aber vermutlich nur wenig gelesenen Handke-Titel der letzten Wochen ist auf der Antiquariatsplattform gar nicht zu finden. Es handelt sich um „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, Handkes umstrittenstes Werk, erschienen 1996, also etwa ein Jahr nach dem Massaker von Srebrenica und wenige Monate nach dem bis heute kontrovers beurteilten Abkommen von Dayton. Auch bei abebooks (4223 Handke-Treffer) und bei ebay (1217) ist dieser Titel des Nobelpreisträgers nicht zu finden. Hat Handke womöglich unrecht? Irrt er, der von Cervantes, Homer, Tolstoi kommt, wenn er schimpft, niemand, der zu ihm komme, habe irgendetwas von ihm gelesen?

          Bei Amazon werden wir schließlich fündig. Hier kostet „Gerechtigkeit für Serbien“ als E-Book 8,99 Euro, die broschierte Originalausgabe wird in zwei Exemplaren angeboten: eines für 176, das andere für stolze 328 Euro. So war das nicht gemeint, als es hieß, Gerechtigkeit habe ihren Preis. Die aktuelle Taschenbuchausgabe wird

          denn auch für räsonable vierzehn Euro annonciert, sie ist aber beim Suhrkamp Verlag zur Zeit ebenso wenig lieferbar wie „Die Tablas von Daimiel“, Handkes literarische Auseinandersetzung mit dem Prozess gegen Slobodan Milošević vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Was aber folgt nun aus all dem? Wie viele Exemplare der „Winterlichen Reise“ schlummerten vor der Nobelpreisentscheidung in den Antiquariaten? Werden Handkes umstrittenste Texte jetzt emsig gekauft und gründlich gelesen? Wir wissen es nicht. Bleiben wir also bei dem, was im Fall Handke als unumstößliche Gewissheit gelten darf, und das ist wenig genug. Er kommt von Tolstoi. Er kommt von Homer. Er kommt von Cervantes. Er hat es selbst gesagt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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