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Peter Høeg : Der Verschollene kehrt zurück

  • -Aktualisiert am

Der neue Høeg Bild: Hanser

Peter Høeg wurde berühmt durch den Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Doch dann wurde es plötzlich sehr still um den dänischen Schriftsteller. Nach zehn Jahren ist er jetzt wieder aufgetaucht.

          Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Zehn Jahre sind in modernen Biographien beinahe ein ganzer Lebensabschnitt. In zehn Jahren wechselt mancher häufiger den Ehepartner als jemals Auto, Beruf oder Wohnort, verändern sich Gesellschaften: So muss es jedenfalls erscheinen, wenn man die Lebenszeit ausschließlich der Maxime unterwirft, jeden Moment zur Maximierung von Gewinn, Ansehen und Lust zu nutzen.

          In einer anderen Zeitrechnung aber, die Lebensqualität in der Vertiefung von Erkenntnis, Wahrhaftigkeit und Zuneigung ansiedelt, sind zehn Jahre nur ein Wimpernschlag. Was bedeuten sie schon angesichts der Tausenden von Jahren, in denen die Menschheit im Nachdenken über sich selbst nicht weitergekommen ist? Was sind zehn Jahre vor der Zeitlosigkeit großer Kunst? Wie schnell vergehen sie, wenn man seinen Kindern beim Wachsen zuschaut? Und wenn man sich mit den ewigen Fragen beschäftigt, haben zehn Jahre nicht einmal die Länge einer Kaffeepause.

          Ein handfester Skandal

          Peter Høeg hat es gewagt, auszuscheren aus dem Literaturgeschäft, aus den Rummel um seine Person, dem gefeierten Autor des Weltbestsellers „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Zehn Jahre lang war er verschwunden; selbst sein dänischer Verleger soll nicht gewusst haben, wo er sich aufhielt. Als man sein Fehlen bemerkte, was einige Zeit dauerte, nämlich ungefähr zwei Jahre, so lang, wie er früher für das nächste Buch gebraucht hatte, verdichtete sich das Rätseln immer mehr, bis schließlich ein handfester Skandal daraus wurde. Dieser wiederum wurde von einer Journalistin, die Høeg im vergangenen Sommer aufspürte, einerseits beendet - der Star der dänischen Literatur war gefunden -, andererseits neu entfacht. Denn zwischen den Zeilen vermittelte ihr Artikel den Eindruck, der Mann sei nicht mehr ganz bei Trost: Er habe kein Telefon, lebe zurückgezogen in Nørre Snede, einer sektenähnlichen Ökokommune auf Jütland, und habe aufgehört zu schreiben.

          Die Angaben zu seiner Biographie waren schon immer widersprüchlich. Er selbst bekundete, eine glückliche Kopenhagener Kindheit verlebt zu haben, doch dann machten Rezensenten im Roman „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ (1995) in der Verstörtheit des geprügelten Schulkinds allenthalben autobiographische Züge aus. Aktualisierte lexikalische Einträge vermerken, er habe sich im Rückzugsjahr 1996 auch von seiner Frau und den beiden Töchtern getrennt; Høeg indes bezeichnet solche Behauptungen im Gespräch als Blödsinn. Seine Entscheidungen dürften oft auf Verwunderung gestoßen sein. Als junger Mann führte Peter Høeg ein Nomadenleben, trat als Schauspieler und Ballerino auf europäischen und afrikanischen Bühnen auf, was irgendwie zu seinem Aussehen passt, einer eigenwilligen Mischung aus Michail Baryschnikow und Bruce Chatwin.

          Mystischer Nebel

          Nicht alle seine Bücher wurden von Kritik und Publikum so geliebt wie „Fräulein Smilla“. Als 1996 die aberwitzige Liebesgeschichte und Gesellschaftssatire „Die Frau und der Affe“ erschien, raunte man bereits von Ökokitsch und befürchtete, Peter Høeg mutiere allein schon, was die schiere Zahl der moralischen Merksätze angehe, zu einem modernen Saint-Exupéry. Dazu schien zu passen, dass er seine Bücher zunächst mit der Hand statt mit dem Computer schreibt, dass er sich in Interviews konsumskeptisch äußerte und dass er mit den Erlösen aus dem Buch eine Stiftung namens Lowle gründete, die Frauen und Kindern in Tibet und Afrika zugute kommt. Dass er mehr als eine kreative Schaffenspause einlegte, fiel erst auf, als man von ihm, der zuvor innerhalb von zehn Jahren fünf Bücher veröffentlicht hatte, auffällig lange nichts hörte - bis ihn jene Journalistin auf Jütland heimsuchte. Ihr erzählte Høeg, dass er an einem Roman arbeite, und bat sie um Stillschweigen. Statt dessen schrieb sie im letzten Sommer einen Artikel, in dem Høeg wie ein Esoterikjünger in den Fängen von Jes Bertelsen, dem „dänischen Guru des New Age“, vulgo Sphärenklingler, erschien. So wurde der mystische Nebel um den Schriftsteller immer dichter.

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