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Peter Friedl : Die Giraffe, die Kunst und die Propaganda

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Peter Friedls ausgestopfte Giraffe Bild: Hans Nevedal

Wer die ausgestopfte Giraffe des österreichischen Künstlers Peter Friedl in der documenta-Halle sieht, denkt an zweierlei: An das ausgestopfte Pferd Maurizio Cattelans und an die Giraffe schlechthin, an Zarafa, die einst eine Massenhysterie auslöste.

          Die documenta 12 beginnt im doppelten Sinne mit einer letalen Verspätung: Die ausgestopfte Giraffe, die der österreichische Künstler Peter Friedl in der documenta-Halle aufgebaut hat, kopiert zunächst einmal die Aktivitäten eines Maurizio Cattelan. „Die Ballade von Trotski“, ein ausgestopftes Pferd, das Cattelan vor zehn Jahren am Schlafittchen nahm und hoch und kurz an den Plafond einer Galerie hängte, zählt inzwischen, neben einem anderen Tierpräparat, dem Vogel Strauß, der seinen Kopf in den Boden bohrt, zu den Provokationen, die den Zeitgenossen an die Decke gehen lassen sollen. Und wenn wir bei Kassel bleiben: Cattelan gehört, auch wenn man sich schwertut, ein so anspruchsvolles Wort zu verwenden – zum genius loci dieser Stadt. Denn der Künstler hat hier für sein taxidermisches Geschick vor wenigen Jahren den Arnold-Bode-Preis erhalten.

          Wenn ein Friedl nun, gewissermaßen in der Nachfolge des Italieners, sich an der Giraffe vergreift, dann soll dies mit der politischen Dimension erklärt werden, die sich hinter der Geschichte der auf brutale Weise entschlafenen Giraffa camelopardalis versteckt: Der Paarhufer sei in Kalkilia, dem einzigen palästinensischen Zoo, tot umgefallen, als die israelische Armee ein Versteck der Hamas angriff. Cattelans Pferdekadaver trägt keinen Namen. Wohl aber die entleibte, vom österreichischen Künstler Friedl servierte Giraffe. Sie hörte, mit ihren hübschen kastanienfarbenen Flecken auf Leib und Hals, auf den Kosenamen Brownie. Doch Pferd oder Giraffe hin oder her: Unsere documenta-Giraffe, die, wie man inmitten einer generellen Kommentarlosigkeit erfährt, ein „Modell für Erzählungen“ abgeben möchte, zwingt denjenigen, der sich auch nur ein wenig mit Geschichte und Massenhysterie abgibt, an die Giraffe par excellence, an Zarafa, zu denken, die das naturgeschichtliche Museum in La Rochelle, zusammen mit dem Orang-Utan der Kaiserin Joséphine, unter den Schätzen einer abgelegten Erinnerung bewahrt.

          Der König füttert Zarafa mit Rosenblättern

          Zarafa führt uns zu einem Lehrstück, das über das, was sich mit der Giraffe aus dem Westjordanland verbindet, hinaus reicht. Es geht bei ihr um den Zusammenstoß zwischen Kulturen und Sehgewohnheiten. Zarafa verweist auf Migration, auf Globalisierung der Tierwelt, auf Dressur und schließlich auf jene Banalisierung des Fremden, die allein das Fremde integrieren und vom Fremden zu erlösen vermag. Die Rede ist von der berühmtesten aller Giraffen, eben von Zarafa, die das Leben aus der Naturgeschichte in das psychologisierende Exil unter Menschen verschlug: Der Vizekönig Ägyptens, Mohamed Ali, schenkte das Tier auf Anregung des Konsuls Berbardino Drovetti dem französischen König Charles X. Am 26. Oktober 1826 landet die „Girafe du Roi“ in einem Spezialschiff in Marseille. Noch nie zuvor war ein solches Tier lebend nach Frankreich gelangt. Da Zarafa täglich fünfundzwanzig Liter Milch braucht, wird sie auf dem Transport von drei Kühen begleitet. Und um jeden Anflug von Entfremdung zu bekämpfen, sind zwei junge Sudanesen, Atir und Youssef, mit von der Partie. In Marseille verbringt Zarafa im Hof der Präfektur den Winter. Hier hatte man für sie ein geheiztes, wattiertes Spezialhaus vorbereitet. Das Aufsehen, das Zarafa hervorruft, ist unbeschreiblich. Auf den täglichen Promenaden wird sie von Reitern und einer exotischen Equipage begleitet. Überrascht stellen die lärmenden Besucher fest, dass dieses elegante Geschöpf in seinem langen Hals offensichtlich keinen Platz für Stimmbänder gefunden hat.

          Im Frühjahr beginnt der sechswöchige triumphale Zug in die Hauptstadt. Der berühmte Zoologe Geoffroy Saint-Hilaire holt Zarafa selbst ab. Man stattet sie mit einem Reisekleid und einer ausgedehnten Kapuze aus, in der Kopf und Hals bequem und sicher Platz finden. Das Kleidungsstück trägt die Wappen des Königs von Frankreich und des Paschas von Ägypten. Am 30. Juni erreicht der Konvoi mit Kühen, Mufflon und Antilope Paris. Der Hof möchte den Neuankömmling ohne Verzögerung in Augenschein nehmen und lässt Zarafa in die Sommerresidenz nach Saint-Cloud eskortieren. Begleitet wird die Prozession von Professoren und höchsten Vertretern des Staates. Der König füttert Zarafa mit Rosenblättern. Mehr als 600.000 Pariser zahlen in den kommenden sechs Monaten Eintritt, um das Wunder in Augenschein zu nehmen. Nach und nach schwächt sich der Nimbus ab. Balzac beschreibt schließlich für die Zeitschrift „La Silhouette“ den Zerfall dieses Lobs haarsträubender Fremdheit. Es kommt die Zeit des Gnadenbrots. Siebzehn Jahre später stirbt Zarafa in der königlichen Menagerie in Paris. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts transferiert man den Kadaver in die Provinz, da inzwischen Giraffen längst aus der Mode gekommen sind. Oder sollten wir sagen, eine positive Diskriminierung habe das Fremde und Unverständliche auf ebenso letale Weise integriert, wie es ein wenig später England mit John Merrik, dem „Elephant Man“, zu tun vermochte?

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