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„Persona“ von Bergman : Wir wollen doch immer die anderen spielen

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Die rauhe Rinde der Ewigkeit im Nacken: Evgenya Dodina als Elisabet in der Münchner Bergman-Adaption Bild: Sarah Rubensdörffer

Amélie Niermeyer bringt im Münchner Residenztheater eine verspielte, aber recht konventionelle Theaterfassung von Ingmar Bergmans „Persona“ auf die Bühne.

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          Die erste Narkose seines Lebens blieb dem schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman im Gedächtnis haften: als ein erstaunliches Glücksgefühl. „Weil es ein Gefühl der Erleichterung war.“ Erleichterung vom Leben. Unmittelbar darauf schreibt Bergman 1965 ein Drehbuch, das genau diese Erfahrung zum Thema hat: Von dem Moment an, da ich mich entschließe, nicht zu existieren, kann mir nichts mehr geschehen. Er nennt es „Persona“, was Maske, Rolle, Stimme, Identität bedeutet, und tatsächlich vermittelt Bergmans Film neben vielen weiteren, auch widersprüchlichen Gefühlen vor allem dies: ein friedliches, leises Glück.

          Elisabet Vogler, eine bekannte Schauspielerin, ist während einer Aufführung der „Elektra“ plötzlich verstummt. Doch was hat ihr die Sprache verschlagen? Die Ärztin diagnostiziert Überdruss: das Verstummen einer Kollegin und Ehefrau als Ausdruck ihrer Kapitulation vor dem Alltag; die Angst einer Mutter vor ihren Schuldgefühlen; ein Schauspielerinnenselbstmord als Geburt einer neuen Rolle; ein Schweigen als Provokation der Welt um sie herum, sich endlich zu erklären.

          Was dieses Glück genau ausmacht, das Liv Ullmann im Film manchmal unverwandt lächeln lässt, ob Bergmans Erleichterung vom Leben, Elisabets neue, stumme Lebensrolle als einfach nur Existierende oder die bewundernde Gesellschaft der jungen Krankenschwester Alma, das hält Bergman bewusst im Unerklärten. Doch dieses Lächeln, das Ullmanns Elisabet urplötzlich überkommt, sympathisch und nah, es erdet sie bei all dem überirdischen Schmerz, den sie verkörpert. Es vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, nicht von Überlegenheit.

          Das Leben, bloß ein Spiel?

          Dass Bergman 1976 nach München floh, dort fast zehn Jahre lang lebte und am Residenztheater inszenierte (unter anderem Strindbergs „Traumspiel“), muss diesmal genügen als Rechtfertigung für eine (weitere) Bühnenfassung seines bild- wie wortmächtigen Meisterwerkes mit Bibi Andersson und Liv Ullmann. Denn das lebte auch gerade davon, dass es in seinem Verlauf mit allen filmischen Mitteln experimentierte: wenn Elisabet gemeinsam mit Alma in das Sommerhaus der Ärztin zieht, als eine Art Isolationstherapie; wenn Alma ihr nach und nach ihre Seele verkauft, bis beide nicht mehr auseinanderhalten können, wer Alma und wer Elisabet ist; wenn es in wechselnden Machtpositionen zu Verrat, Rache, Versöhnung und schließlich doch zu einem gemeinsamen, letzten Wort kommt: „nichts“. Die Gedanken kratzen an der Unendlichkeit: Wenn unser Spiel Leben ist - ist dann unser Leben bloßes Spiel?

          Bergmans Film besitzt eine Patina aus echtem Lebensstaub, aus Melancholie und Bitterkeit, unschuldiger Idylle und verbotenem Paradies - ein Traumspiel, das Wahrhaftigkeit ausstrahlt. Das kann Amélie Niermeyers Inszenierung nicht erreichen. Sie bleibt Spiel.

          Mauer an Undurchschaubarkeit

          Auf der intimsten Bühne des Residenztheaters, dem Marstall, versucht sich die Regisseurin eine Fünfviertelstunde lang an einer unglücklich gestimmten „Persona“-Version mit zwei starken Schauspielerinnen. Es herrscht eine Grundstimmung aus Vorwurf, Aggression und Hast; auch Evgenya Dodinas Elisabet fehlt somit jedes Quentchen Glück im Ausdruck. Tief konzentriert - nur selten gönnt sie sich eine Gefühlsregung, geschweige denn Bewegung - verfolgt sie die hastigen Schritte und unsicheren Handgriffe, mit denen Juliane Köhler ihre Alma versieht: herzlich, respektvoll, aber auch haspelnd, überspannt und diszipliniert nur so lange, bis jemand ihre Wut oder ihren kindlichen Übermut entfesselt.

          Bislang war Almas Gegenwart geregelt, ihre Zukunft strukturiert, ihr Leben absehbar. Nun bringt sie ausgerechnet diese unheimlich und überheblich lauernde Frau ins Grübeln, für die es nur die Wahl zwischen Wahrhaftigkeit und Verlogenheit gibt. „Glaubst du nicht auch, dass man dann ein kleines bisschen besser wäre, wenn man sich so sein lässt, wie man ist?“, fragt Alma verzagt angesichts dieser Mauer an Undurchschaubarkeit.

          Während der Schwarzweißfilm zwischen real und surreal changiert, nutzt Niermeyer ihre beschränkteren Bühnenmittel betont verspielt, aber visuell recht konventionell. Der neutrale offene Raum von Alexander Müller-Elmau bleibt im Kontrast aus eierschalenfarbigen Bodenplatten und schwarz gekleideten Darstellern unfokussiert. Zur Illustration der Ortswechsel vor dem geistigen Auge werden auf Knopfdruck Sprechchaos, Umweltgeräusche oder Gemütsmusik reproduziert. Über dem akustischen Gewirr hängen verchromte Glühbirnen an der Decke.

          Neben Dodina und Köhler steht auch Götz Schulte auf der Bühne, wenn eben Not am Mann ist - und stört die zaghaften Annäherungsversuche der beiden Frauen: als Arzt, Ehemann, Regisseur, Requisiteur. Als Erzähler werfen Köhler und er sich Bergmans poetische Regieanweisungen zu, als seien sie gerade bei der Leseprobe. Denn in Niermeyers Inszenierung ist niemand seiner Rolle sicher.

          “Eigentlich wollte ich die andere spielen“, mault Köhler, während sie die Schauspielerin spielt, welche die Alma spielt. Das wird sie tatsächlich: Ab November ist die Koproduktion mit dem Habima-Theater in hebräischer Sprache in Tel Aviv zu sehen. Dort tauschen Juliane Köhler und die russisch-israelische Schauspielerin Evgenya Dodina die Rollen und führen so das Spiel um Identität und Sprachverweigerung um eine Drehung weiter.

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