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„Penthesilea“ in Salzburg : Und jeder Busen ist, der fühlt, ein Rätsel

Zwei großartig Unvereinbare: Sandra Hüller (Penthesilea) neckt Jens Harzer (Achill). Bild: dpa

Bei den Salzburger Festspielen gelingt Johan Simons mit Kleists „Penthesilea“ ein großer Wurf. Die Dramaturgie wird reduziert auf das pure, schmucklose Unglück des Liebesdramas.

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          Was man nicht spielen kann, muss man erzählen und hoffen, dass es einer glaubt. Nicht nur einer, sondern vor allem sie – zwei Königskinder, die ein klaffender Graben trennt. Geschlecht heißt der und Herkunft, politisches Lager und mythische Geschichte, der Graben ist tief, voll mit falschen Hoffnungen und Lügen. Trotzdem wollen sie sich lieben: er, Achill, der Grieche, siegreich vor Troja, umschwärmt, trunken von Mut. Sie, Penthesilea, die jungfräuliche Amazone, ungerührt, von der Mutter aufs Schlachtfeld geschickt, um sich den Helden als Samenspender zu holen. Wer von beiden versteht das Spiel besser? Wer fängt wen zuerst, wer lässt sich heimlich fangen? Und wer glaubt wirklich an die Liebe als Ausweg, als Brücke? Am Ende keiner, denn beide achten, wenn es darauf ankommt, doch nur auf sich und ihre Ehre: Penthesilea kann es nicht ertragen, die begnadigte Gefangene des Geliebten zu sein, Achill bringt es nicht über sich, Penthesilea zu folgen, statt im Triumphzug abzuziehen. Also gibt es am Ende nur Kampf und Morden. Der Graben hält, die Brücken brechen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Kleist hat sein antikisierendes Tragödienstück „Penthesilea“ 1806/07 aus seinem „innersten Wesen“ heraus geschrieben, mit „all dem Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele“, wie er an seine Vertraute Marie von Kleist schrieb und damit meinte: Das hier ist Wunde und Heilung in einem, denn für sich selbst haben die Hauptfiguren jeweils eine Lösung, aber einander müssen sie sich ein gefährliches Rätsel bleiben. In gewisser Weise hat Kleist mit seinem bei Erscheinen heftig kritisierten und erst 1876 uraufgeführten Stück das humane Antikenbild der Klassik umgekehrt: Es geht nicht mehr um den Einsatz für die Gemeinschaft oder ein Ringen mit den Göttern, sondern nur noch um das irrlichternde Bewusstsein des Einzelnen. „Monomanisch“ hat man es deshalb genannt, besessen von „dekadenter Gefühlsüberspanntheit“ (Georg Lukács).

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