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Peer Steinbrück und die Finanzkrise : Das Wort in der Krise

  • -Aktualisiert am

Ein Mann für die Krise: Finanzminister Peer Steinbrück Bild: dpa

Peer Steinbrück ist in eine singuläre Rolle hineingewachsen. Da die Bankenchefs weitgehend schweigen und andere Politiker wenig zu sagen wissen, erwartet die Öffentlichkeit von ihm alle Auskünfte. Er hat sich vorbereitet. Er drückt sich nicht. Er bleibt skeptisch.

          Deutschland hat Macken. Kabel liegen stolpergefährlich herum, die beiden Pulte stehen zu eng beieinander, und von der Tribüne hat sich ein metallenes Band gelöst, das jetzt in den Raum ragt und zittert, als würde es uns zum Abschied winken.

          Der deutsche Pressesaal im Untergeschoss des labyrinthischen Brüsseler Ratsgebäudes ist kurzfristig einer Verwüstung durch andere Nutzer zum Opfer gefallen, jetzt muss der Schaden beseitigt werden, bevor Journalisten hineinströmen. Bloß keine Symbolbilder liefern. Martin Kotthaus, der genialische Journalistenflüsterer des Auswärtigen Amtes, gerät in Aufruhr. Irgendwann kommen zwei EU-Hausmeister, die Deutschland wieder reparieren sollen. Sie zucken erst einmal mit den Achseln. Dann holen sie doch eine Rolle Lassoband und einen Akkuschrauber hervor. Beinah hätte ich selbst in meiner Tasche nach Sekundenkleber gewühlt. Sonst bin ich gar nicht so. Aber der Staat muss vorzeigbar bleiben. Sehr viel mehr haben wir zur Zeit nicht.

          Aus Worten werden Werte

          Als am nächsten Tag die Pressekonferenz von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück beginnt, kann man den Saal, der heißt wie das Land, wieder vorzeigen. Es gibt nur noch Stehplätze und allgemeine Aufregung. Es geht nicht um die Tagesordnung und auch nicht um das Treffen der sogenannten Ecofin-Gruppe, das ist bloß der Anlass zu dieser Zusammenkunft. Es geht darum, was ein einundsechzigjähriger Mann mit lichtem Haar sagen wird. Und wie überall, wo in diesen Tagen seine Stimme live zu hören ist, flippen die Journalisten aus.

          Man spricht oft von der Psychologie der Märkte, von den Analysen der Experten, in Wahrheit aber ist es Magie, die das Geld der Welt bewegt, Beschwörungen, Flüche und Zauberformeln: Aus Worten wird Gold. Oder sie öffnen den Abgrund.

          Lauter Außergewöhnlichkeiten

          Nach seiner Pressekonferenz, auf der er den europäischen Steueroasen ordentlich gedroht hat, gibt er, schon fast im Gehen, noch kurze Statements für einzelne Fernsehsender. Er baut sich im Flur auf, wartet, was da kommt - doch da kommt keine Frage, sondern ein Wunsch: „Herr Minister, können wir vor die Deutschlandwand gehen? Das sieht doch besser aus.“

          Letzte Woche, auch der Wahnsinn: Wann je hätte eine „makroökonomische Konferenz“ der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung mehr als zwei oder drei Journalisten hinter den Herbstöfen hervorgelockt? Und nun muss Steinbrücks Sprecher Torsten Albig darum bitten, dass auch die deutschsprachigen Medien zu Wort kommen. Bei einer Tagung der Böcklerstiftung!

          Mindestens das Paradigma wechseln

          Nicht nur Kredite sind knapp geworden, sondern ebenso der politische Klartext. In der „Sunday Times“ schreibt A. A. Gill, dass der Verlust der Tradition der politischen Rede zentraler sei als die Krise des Geldes. Es gibt eine weltweite Nachfrage: Was ist eigentlich passiert? Was wird noch passieren?

          Peer Steinbrück erklärt es langsam und deutlich zum Mitschreiben: dass es eine Zeitenwende ist, „mindestens aber ein Paradigmenwechsel“. Dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Und dass er auch nicht genau weiß, was noch kommt. Nur eine Bitte hat er an die Gewerkschaften, mit denen er ansonsten sehr freundlich spricht, die für ihn einen ellenlangen Katalog mit Weltrettungsmaßnahmen erarbeitet haben: Legt mir bitte nicht noch mehr Wackersteine in den Rucksack. Es wirkt nicht arrogant, sondern angespannt.

          Die Krise, ein seltsames Lebewesen

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