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Paul Auster im Interview : Vermeintliche Herztode und andere Einbildungen

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Sieht man hier schon den Hypochonder? Paul Auster im September 2008, aufgenommen vor Beginn einer Lesung im Berliner Ensemble Bild: Berthold Stadler/ddp

In seinen jüngsten Büchern packt Paul Auster seine persönlichen Angst- und Leidensgeschichten aus. Ein Gespräch über die kalte Jahreszeit, ein deprimierendes Amerika und den frühen Verlust der Unschuld.

          In „Sunset Park“, Ihrem 2010 veröffentlichten Roman, spricht der Erzähler von der Absicht, sich vom angestauten Ballast seiner Existenz zu befreien und bewusster im „Hier und Jetzt“ zu leben. Dieses „Here and Now“ ist nicht nur der Titel Ihres unlängst erschienenen Briefwechsels mit J.M. Coetzee, sondern scheint auch in Ihrem Anfang 2011 geführten „Winterjournal“ anzuklingen. Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb sich das „Hier und Jetzt“ so stark in Ihr Bewusstsein drängt?

          Das „Winterjournal“ handelt zwar vom „Hier und Jetzt“, von der körperlichen Präsenz des Schreibenden, aber auch vom „Dort und Damals“. Was „Sunset Park“ betrifft, so war es das erste Mal in meinem Leben als Schriftsteller, dass ich bewusst versucht habe, einen Roman über das Jetzt zu schreiben. Fast alle meine vorherigen Romane hatten ein distanzierteres Verhältnis zur Gegenwart, aber „Sunset Park“ war der bewusste Versuch, über die herrschende Krise im Amerika des Augenblicks zu schreiben, die wir alle durchlebten. Meine Romanfigur macht sich sehr finstere Gedanken und hat das Gefühl, keine Zukunft zu haben – dass die Dinge, für die er gelebt hat, verloren sind. Weil er nicht in die Vergangenheit zurückkehren kann, entscheidet er sich, nur noch im „Hier und Jetzt“ zu leben. Dass diese Formulierung dann zum Titel eines eigenen Buchs wurde, ist in der Tat bemerkenswert. John und mir ist kein passenderer Titel für unseren Briefwechsel eingefallen. Ich dachte in diesem Moment nicht an „Sunset Park“, der Gedanke kam mir rein zufällig.

          „Winterjournal“ setzt im Januar 2011 ein, einen Monat vor Ihrem 64. Geburtstag, die Chronologie der autobiographischen Erzählung reicht bis zum Ende des Winters im März.

          Das Wort „Chronologie“ gefällt mir nicht, im Grunde hat das Buch keine Chronologie, sondern springt unerwartet aus der Gegenwart in die mal mehr, mal weniger distanzierte Vergangenheit. Beim Schreiben wurde mir irgendwann klar, dass es sich weder um Memoiren noch um eine Autobiographie handelt, denn das hieße, sein Leben in chronologischer Folge zu erzählen. Ich stellte mir das Buch eher wie ein Musikstück vor, in dem verschiedene Stimmen aufgenommen und wieder fallengelassen werden, um später abermals hervorzutreten.

          „Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseitelegen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben“, heißt es in „Winterjournal“. Sind nicht auch die Romane Berichte aus Ihrem Innenleben?

          Mit „Geschichten“ meine ich Fiktionen, Erfindungen, und ich habe keine Ahnung, ob ich mein eigenes Selbst in den Romanen auf ähnliche Weise erforsche wie meinen Körper in „Winterjournal“. Das müssten Sie mir sagen, zumal es mich selbst nicht sonderlich interessiert, auf mein eigenes Werk zurückzublicken. Meine Aufgabe ist es, die Bücher zu schreiben, die Dinge unablässig voranzutreiben. Coetzee hat das einmal sehr treffend beschrieben, als er mir sagte, dass seine Bücher wie kleine Koffer seien, die er auf seiner Reise am Wegesrand zurücklässt. Er stellt sie ab und spaziert weiter. Er sieht sich nicht mehr nach den Koffern um und macht sich keine Gedanken darüber, was sie beinhalten.

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