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Schlesinger-Interview : Die verfolgte Unschuld

Patricia Schlesinger bei einem Fototermin im Dezember 2020 Bild: Laif

Am Tag, an dem ihre Nachfolgerin gewählt wird, bringt die „Zeit“ ein Interview mit der gekündigten RBB-Chefin Patricia Schlesinger. Was lernen wir daraus? Wir haben sie alle bloß missverstanden.

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          Das Timing soll wohl perfekt sein. An dem Tag, an dem ihre Nachfolgerin gewählt wird, wirft die „Zeit“ ein Interview mit der fristlos gekündigten RBB-Intendantin Patricia Schlesinger auf den Markt. Es ist der Tag, an dem die designierte Interimschefin Katrin Vernau ein schweres Erbe antritt. Sie muss sich durch einen Wust belastender Hinweisen auf unsaubere Geschäftsführung kämpfen und den Abwärtsstrudel stoppen, von dem die ARD befürchtet, er könne den gesamten Senderverbund in den Abgrund reißen.

          Wer ist der „Maulwurf“?

          Und was macht Schlesinger? Im Interview, in dem die Fragesteller von vornherein auf ihrer Seite sind und sich gleich nach dem „Maulwurf“ (nicht Whistleblower!) erkundigen, der Material über sie herausgab, spielt sie die verfolgte Unschuld. „Dieser freundliche, vertrauensvolle Umgang im Alltag“ im RBB ist ihr in Erinnerung, „Probleme“ habe man nie „weggebügelt“. „Der Unmut und die Wut im Sender“ aber seien „aus meiner Sicht so stark, das ich mir vorwerfe, dass ich das nicht gesehen habe. Das tut mir leid.“

          Das ist auch schon alles, was ihr leid tut, an ihrem eigenen Verhalten hat sie sonst nichts auszusetzen. Sie wird auch nicht allzu bohrend danach gefragt. Die Interviewer halten sich mit Kleinigkeiten wie den Massagesitzen in Schlesingers Dienstwagen auf. Sie mache sich nichts aus Autos, hören wir, privat fahre sie einen 17 Jahre alten VW Polo und ein altes, weißes Fahrrad. Ihr (hohes) Gehalt habe sie nicht gefordert, es sei ihr angeboten worden, die Boni seien allgemein bekannt gewesen.

          Zum Kern der Vorwürfe – der vermuteten Vetternwirtschaft im Zusammenspiel mit dem zurückgetretenen RBB-Verwaltungsratschef Wolf-Dieter Wolf –, dringen die „Zeit“-Frager nur zaghaft vor. Die Geschäftsessen habe sie nach bestem Wissen abgerechnet, auch sonst sei alles okay gewesen und ihren Rücktritt als ARD-Vorsitzende habe sie selbst angeboten, ein Kollege habe angerufen und gefragt: „Sollen wir alle eine Solidaritätsbekundung veröffentlichen?“ Wer sich in der ARD nur ein wenig umhört, wird ganz anderes hören.

          Ob sie glaube, dass jemand wollte, dass sie ins Messer lief, lautet eine Erkundigung der „Zeit“. „Es fühlte sich an wie das Nachladen eines Gewehrs, das auf mich gerichtet war“, berichtet Schlesinger von den Wochen, in denen ein Vorwurf auf den nächsten folgte. Im Bild wird sie als aufrecht elegante Erscheinung inszeniert. Mit Luxus habe sie nichts am Hut, lernen wir. „Fühl dich in der Jugendherberge wohl, und wisse, wie du dich im Fünfsternehotel zu benehmen hast“, mit dem Motto sei sie aufgewachsen. In dem Augenblick denken wir allerdings an die Luxusetage der abgesetzten Chefin, die von hohen Kosten nichts gewusst haben will.

          Und sonst, wie reagieren Menschen auf der Straße? „Es gibt einige, vor allem Frauen, die sagen: Halten Sie das bitte durch.“ Mehr Opferhabitus geht nicht. „Ich glaube, dass ich am Ende zu viel zu schnell gewollt habe“, sagt Schlesinger und meint damit, sie habe den RBB ganz groß rausbringen wollen. Doch könnte es nicht sein, dass sie „zu viel zu schnell“ für sich selbst und niemanden sonst wollte? „Es geht hier auch um die Macht des Anscheins und die Ohnmacht der Fakten“, sagt Schlesinger. Man meint, hier würden die RBB-Mitarbeiter und die Beitragszahler abermals verspottet.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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