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Patientenverfügung : Amtlich geprüftes Sterben

Wer bestimmt, wann Leben endet? Bild: dpa

Auf manchen Intensivstationen werden Patienten „gewaltsam am Sterben gehindert“. Sind Patientenverfügungen der Ausweg aus einer Medizin, die Lebensverlängerung um jeden Preis betreibt?

          Wie wollen wir sterben? In der Debatte um die sogenannte Patientenverfügung haben wir es mit Problemen und Scheinproblemen zu tun. Zunächst: Was sind Patientenverfügungen? Schriftliche oder mündliche Willensbekundungen, die Planungssicherheit am Ende schaffen sollen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Man verfügt hier vorsorglich für den Fall, in dem man krankheitsbedingt nicht mehr entscheidungsfähig sein wird, und legt fest, welche Behandlungen dann durchgeführt werden und welche unterbleiben sollen. Jüngst hat Justizministerin Zypries einen Referentenentwurf vorgelegt, der die Patientenverfügung als Rechtsinstitut im Betreuungsrecht verankern möchte. Seitdem ist die Debatte über dieses Thema wieder neu entflammt.

          Was sind dabei die Probleme, was die Scheinprobleme? Sicher kein Scheinproblem ist der Befund, daß auf manchen Intensivstationen Patienten tatsächlich „gewaltsam am Sterben gehindert werden“, wie Robert Spaemann einmal das Risiko einer maßlosen Medizintechnik beschrieb, wenn sie Lebensverlängerung um jeden Preis betreibt. Ebensowenig ein Scheinproblem ist allerdings auch, daß mit der breiten Propagierung von Patientenverfügungen der Druck auf Kranke und Pflegebedürftige wachsen könnte, in Zeiten knapper ökonomischer Ressourcen dem Gesundheitssystem nicht „unnötig“ auf der Tasche zu liegen.

          Verfügungen zur Selbsttötung?

          Genau diese Befürchtung hegen jene, die jetzt die unbegrenzte Reichweite von Patientenverfügungen kritisieren, die Frau Zypries im Auge hat. Ihrer Ansicht nach soll der Verzicht auf lebenserhaltende Maßnahmen vom Patienten auch dann verfügt werden können, wenn das Grundleiden des Betroffenen noch keinen irreversibel tödlichen Verlauf genommen hat. Sind das, wie die Kritiker sagen, Selbsttötungsverfügungen, die nicht als verbindlich akzepiert werden sollten?

          Dem steht entgegen, daß kein Patient gegen seinen erklärten Willen zu überhaupt irgendeiner Therapie gezwungen werden kann - die Alternative würde Zwangsbehandlung lauten, ein Vorgang, der im Zweifel als Körperverletzung geahndet wird. Wenn man schon eine gesetzliche Regelung für Patientenverfügungen trifft, dann kann diese nicht von vornherein auf bestimmte Fallkonstellationen eingeschränkt werden.

          Der Referentenentwurf bewegt sich denn auch auf juristisch gesichertem Boden, wenn er feststellt, daß die Wahrung der persönlichen Freiheit des Patienten nicht durch das begrenzt werden dürfe, „was aus ärztlicher oder objektiver (!) Sicht erforderlich oder sinnvoll wäre“, daß es insoweit nicht darauf ankomme, „ob die Entscheidung des Patienten aus medizinischer Sicht als vernünftig oder unvernünftig anzusehen ist“.

          Das eigentliche Problem

          Gerade hier tritt hinter dem juristischen Scheinproblem jedoch das eigentliche Problem hervor. Die Frage lautet zugespitzt: Erreichen Patienten durch Patientenverfügungen wirklich das, was sie erreichen wollen? Geraten sie nicht, während sie gerade vernünftig handeln wollen, in eine selbstverschuldete Unvernünftigkeit? Nimmt man einmal an, daß die meisten Intensivstationen ihre Apparatemedizin verantwortlich, also gemäß dem ärztlichen Ethos einsetzen. Nimmt man ferner an, daß die Mehrzahl der Menschen, die eine Patientenverfügung abgeben, vermutlich nichts gegen eine Heilung oder auch nur Linderung der Schmerzen einzuwenden haben. Daß sie lediglich den Tod, wenn er sicher geworden ist, nicht unnötig hinausgeschoben sehen wollen.

          Käme es bei diesen Prämissen nicht gerade darauf an, die Behandlung zuzulassen, solange noch begründete Hoffnung zumindest auf Schmerzminderung besteht? Oft gibt es keine einfache Wahlmöglichkeit zwischen medizinisch eindeutig wirksamer Therapie und „Nichtstun“. „Eine sichere Todesprognose“, so räumt auch die Begründung des Referentenentwurfs zum Patientenverfügungsgesetz ein, „wird beispielsweise bei vielen Krebserkrankungen, Organversagen (Niere, Herz) nicht möglich sein.“

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