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Pasolini-Ausstellung in Berlin : Und seine Mutter strich ihm sanft übers Haar

Der Regisseur selbst auf dem Set seines Films Bild: Angelo Novi / Cineteca di Bologna

Eine Ausstellung in Berlin dokumentiert Leben und Werk des Pier Paolo Pasolini: ein Wechselspiel zwischen Filmbild und Schrift, Körper und Geist.

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          Er sei „una forza del passato“, eine Macht aus der Vergangenheit, schreibt Pier Pasolini in seinem wohl berühmtesten Gedicht. Und weiter: „Nur in der Tradition liegt meine Liebe. / Ich komme von den Ruinen, den Kirchen, / den Altarflügeln, den verlassenen Dörfern / im Apennin oder den Voralpen, / wo die Brüder einst gelebt haben.“ Heute, fast vierzig Jahre nach seiner Ermordung, ist Pasolini tatsächlich eine vergangene Macht. Seine Romane, Gedichte und Essays werden kaum noch zitiert, seine Filme sind keine Vorbilder mehr für jüngere Regisseure. Als Filmemacher teilt er das Schicksal des italienischen Kinos insgesamt, das bis in die achtziger Jahre hinein stilbildend war und seither schrittweise ins Vergessen rutscht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch gibt es eine Generation von älteren Intellektuellen, die um Pasolini trauert wie um eine verlorene Geliebte. Es ist, als hätte sein Tod am Strand von Ostia eine Verehrergemeinschaft gestiftet, die jede neue historische Erscheinung aus dem Geist seiner Werke zu verstehen sucht. Das liegt nicht daran, dass der Denker Pasolini so klar und eindeutig, sondern dass er so widersprüchlich war.

          Höhen und Tiefen einer Filmkarriere

          Bei den Studentenunruhen von 1968 nahm er Partei für die prügelnden Polizisten, weil sie Söhne armer Bauern seien. „Faschismus“ war sein Begriff für alles, was an der menschlichen Gesellschaft unmenschlich ist, aber er verehrte Ezra Pound. Seine Wohnungen wurden immer bürgerlicher, doch nachts trieb er sich mit den Gassenjungen aus den römischen Vorstädten herum, seinen „ragazzi di vita“. Carlo, die Hauptfigur seines nachgelassenen Romans „Petrolio“, ist in zwei Persönlichkeiten gespalten, die eine engelhaft rein, die andere von teuflischer Sinnlichkeit. Man findet alles und sein Gegenteil in Pasolinis Schriften, nur keine Lobpreisung der Gegenwart, die er im Würgegriff des „consumismo“ sah, der jede Tradition zerstörenden, alle kulturellen Unterschiede einebnenden Herrschaft des Konsums.

          Ganz anders der Cineast Pasolini. Das Einmalige seines filmischen Werks liegt darin, dass er eben kein Kinoregisseur war, sondern ein Schriftsteller, der Filme drehte. Wenn man heute „Teorema“ und „Große Vögel, kleine Vögel“ oder Pasolinis Debüt „Accattone“ sieht, kann man nur staunen, dass dergleichen einmal möglich war: Kino ohne akademische Zwänge, eine Kamera, die mit Bildern Geschichten schreibt. Den Zauber der Bibelverfilmung „Das 1. Evangelium - Matthäus“ von 1964 hat Mel Gibson dreißig Jahre später mit „Die Passion Christi“ am selben Schauplatz im süditalienischen Matera einzuholen versucht, ohne ihn annähernd zu erreichen.

          Dafür ist allerdings die erotisch eingefärbte „Trilogie des Lebens“ aus den frühen siebziger Jahren an Banalität kaum zu überbieten; Pasolini selbst hat sich in einem berühmten Widerruf von ihr distanziert. Anschließend drehte er den Film, mit dem er alle Kompromisse zurücknahm, die er in seiner Karriere eingegangen war: „Salò oder die 120 Tage von Sodom“, die Vision des totalen sadistischen Terrors, bis heute ein schwarzer Block im Herzen des europäischen Kinos.

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