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Partytourismus in Berlin : Die Basisdemokratie der Bierflasche

Vulkantanz in der ewigen Frontstadt

Berlins Aufstieg zum drittwichtigsten europäischen Touristenziel hinter London und Paris, aber inzwischen vor Klassikern wie Rom, Barcelona oder Wien, ist weniger eine Schicksalslaune als eine Schicksalsfügung. Vor allem für seine Karriere als internationaler Partyhotspot gibt es gute Gründe, und der beste Ort, um sie zu verstehen, sind die Warschauer und die Oberbaumbrücke, die Kreuzberg mit Friedrichshain verbinden. Hier, direkt an der ehemaligen Zonengrenze, erkennt man alle Ingredienzien der Berliner Erfolgsgeschichte auf einen Blick. Man sieht die neue, herausgeputzte, fortschrittsgläubige Hauptstadt, die Leuchtreklame der Allianz, den Prunkbau von Universal Studios, das fast fertiggestellte Hochhaus von Daimler, das protzige O2-Stadion; man sieht aber auch den Metro-Großmarkt mit dem legendären Club Berghain dahinter, die Hostelschiffe auf der Spree, die zuckenden Leiber auf der Tanzfläche des Watergate Clubs, dessen Glasfront direkt auf den Fluss schaut, die Horden von Vergnügungssüchtigen aus aller Welt, die mit Wegbieren in der Hand über die Brücke marschieren, immer unterwegs zwischen den Kneipen und Clubs links und rechts der alten Kalten-Kriegs-Grenze.

Vor allem aber sieht man Brachflächen, labyrinthische S-Bahn-Gleise, Ruinen, Leerstellen, Schattenrisse urinierender Kerle, vermüllte Finsternis, permanente Unfertigkeit, eine Stadt, die nicht perfekt sein will und ihren öffentlichen Raum viel lieber mit Trödel als mit Antiquitäten möbliert, weil sie im Grunde ihrer Seele ein Trödler ist und kein feiner Antiquarspinkel. Berlin ist eben keine makellose Schönheit, auf deren Antlitz jede Hässlichkeit wie eine Beleidigung aussieht, ganz im Gegenteil: Jeder darf in dieser janusköpfigen Stadt nach einer durchzechten Nacht so fertig aussehen, wie er will - es fällt nicht auf, weil Berlin selbst immer ein bisschen fertig aussieht, immer noch wie die ewige Frontstadt, die auf dem Vulkan tanzt und sich ungeachtet aller Prenzlauer-Berg-Gentrifizierung mit stolzem Trotz Carpe-diem-Kuriositäten wie das Gelände des Reichsbahnausbesserungswerkes direkt an der Warschauer Brücke leistet.

Transvestiten-Bingo und Porno-Karaoke

Es sieht zwar aus wie eine apokalyptische, flächendeckend mit Graffiti eingesprühte Trümmer- und Ruinenlandschaft, ist aber immer noch in Betrieb, nur dass es nicht mehr nur von der Bahn, sondern auch vom Partyvolk genutzt wird. Gleich am Eingang steht ein schrottreifer Londoner Doppelstockbus, der zum Imbiss umfunktioniert wurde und dem ein „Musikzelt“ mit Polstergarnituren vom Sperrmüll angeschlossen ist. Dort finden lustige Themenabende statt, zum Beispiel Bingo für Fortgeschrittene, bei denen ein Transvestit namens Bobby Blowjob als Conferencier auftritt. Sehr beliebt ist auch Porno-Karaoke: Auf Bildschirmen werden ohne Ton Sexfilme gezeigt, während das Publikum die Kopulations- und Ejakulationsszenen besingt oder in freier Rede synchronisiert.

Taucht man tiefer in das Reichsbahnausbesserungswerk ein, stößt man auf vegetarische Restaurants in alten Lokschuppen, Tanzclubs in brüchigen Baracken, auf immer weitere marode Hallen, in denen sich Skater ihre Parcours oder Sportkletterer ihre Übungswände eingerichtet haben. Und ganz hinten, dort, wo es schon so düster ist, dass sich selbst die Drogendealer aus dem Staub machen, dort, wo man die abgefahrenste Swinger-Techno-Disco oder den coolsten aller Clubs mit dem dunkelsten aller Hetero-Darkrooms erwartet, steht man plötzlich vor einem „Gaming“-Lokal. Und siehe da: Es entpuppt sich als blitzblankes, bonbonfarbenes Etablissement für die Freunde von Computerspielen, die hier an Bildschirmen, Konsolen oder in kleinwagengroßen Sitzapparaten ihrer Ballerbeschäftigung nachgehen - in einem Ambiente, das von außen wie eine Tarkowski-Filmkulisse anmutet und von innen an eine Bowlingbahn in Delmenhorst erinnert, inmitten einer Welt der Subkultur, in der diese Mainstreamer mit Dauerwelle wie die wahren Aliens wirken.

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