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Parteiprogramme : Moonwalk ins Superwahljahr

  • -Aktualisiert am

Krise? Probleme? In den Parteiprogrammen ist davon nichts zu lesen Bild: AP

Zwischen Michael-Jackson-Ökonomie, grotesker Überschätzung der eigenen Möglichkeiten und totaler Unterschätzung der Wähler: Wer sich die Programme der Parteien zur Bundestagswahl ansieht, hat das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Ein Lektürebericht.

          7 Min.

          Sucht man für unsere Art des Wirtschaftens einen Begriff, kommt man an der Popkultur nicht vorbei und könnte treffend feststellen: Die Menschheit ist dabei, die Entwicklungsstufe der Michael-Jackson-Ökonomie, den Moonwalk-Kapitalismus, zu vollenden. Niemand hat seine und unsere Art des heutigen Verzehrs künftiger Reichtümer besser beschrieben als Grace Rwaramba, die Nanny der drei Kinder des verstorbenen Stars.

          Die Jackson-Ökonomie beruhte ihr zufolge auf Einkünften von mehreren Millionen Dollar jährlich, Rechte an den Produkten aus großen Tagen, denen aber Ausgaben in Höhe von zig Millionen gegenüberstanden. Und wenn deswegen die Sorgen wuchsen, so wuchs noch schneller die Illusion, die ganz großen Reichtümer würden bald wiederkehren: Die Songrechte der Beatles könnten veräußert werden, es werde ein Comeback geben mit einem erfolgreichen Album, dazu eine Welttournee. Und wenn es denn mal gelang, jemandem Geld als Vorschuss auf imaginierte Riesenerfolge aus dem Kreuz zu leiern, jenem Emir oder dieser Unterhaltungsfirma, dann war alles wieder gut.

          Einmal, erinnert sich die Nanny, flog sie nach Florenz, um dort Antiquitäten im Wert von einer Million Dollar zu erstehen, doch hatte Jackson kein Haus, um sie hineinzustellen, sondern wohnte bei Fans und Gönnern, so dass das Zeug, weitere Kosten verursachend, eingelagert werden musste. Einem Michael Jackson, hieß es später aus seinem Umfeld, antwortete man nicht mit nein. Und genau hierin ist der zu Beginn der modernen Automobilindustrie geborene, im Jahr der Insolvenz von GM gestorbene Mann unser Vorbild: Anything goes, solange es immer weitergeht, solange niemand nein sagen muss.

          Durch Feigheit glänzen

          Der Tod des Stars hat an der Luftwirtschaft in und mit seinem Namen kaum etwas geändert, ebenso wenig wie der Exitus der großen Investmentbanken der Wall Street an unserer Art des Wirtschaftens. Der Moonwalk-Kapitalismus, die bloß illusionäre Fortschrittsbewegung, hat uns fest im Griff. Auch Deutschland. Auch in diesem angeblichen Superwahljahr.

          Super wäre nun die Chance, dem Wähler mit einigen erwachsenen Ansagen zu begegnen; die Parteien im Wahlkampf tun das Gegenteil. Und die regierende große Koalition, durch ihre extrabreite Mehrheit doch dazu fähig, die Reaktion auf schlechte Nachrichten auszuhalten, glänzt durch Feigheit. Es ist ja schön und gut, den Patienten schonen zu wollen, nett und fürsorglich zu sein, aber Menschen können an Unterforderung mitunter stärker Schaden nehmen als an Anstrengung. Demokratie und Marktwirtschaft leben von Anstrengung. Die Parteien versprechen uns in ihren Wahlprogrammen zum Superwahljahr jedoch das Gegenteil. Nun rächt es sich, Politik wie alles andere auch als Ware, als Marke anzusehen: Einem Kunden kann man keine Probleme verkaufen, dem Wähler sollte man es manchmal.

          Appelle ans Vertrauen ins System

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