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Maler Johann Füssli in Paris : Schrecken als Empfindung

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Den Wahnsinn im Blick: Johann Heinrich Füsslis „Lady Macbeth“ von 1784 Bild: RMN-Grand Palais / Musée du Louvre / Hervé Lewandowski

Tiefschwarzer Romantiker: Das Musée Jacquemart-André in der französischen Hauptstadt zeigt Johann Heinrich Füssli zwischen Traum und Phantasie.

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          Wie die Dichtung, so die Malerei. Beide entspringen der Phantasie. Beide erzählen Geschichten von Helden wie Odysseus, von Mördern wie Macbeth, von sagenumwobenen Schätzen im Rhein, mystischen Erscheinungen, Hexen, Geistern, Feen und Kobolden. Die griechisch-römische Mythologie, die Bibel, nordische Sagen, das Nibelungenlied, Dantes Göttliche Komödie und Shakespeares Stücke. Sie alle sind in Wort und Bild überliefert, finden ihren Weg in die Welt durch Literatur und Malerei, in diesem Fall durch die Hand Johann Heinrich Füsslis. Der gebürtige Schweizer, späterer Wahlbrite, hinterlässtt ein turbulentes Werk voll von Mystik und geheimnisvoller Träumerei, die sich auf 56 Gemälden im Jacquesmart-André Haus im 8. Arrondissement der französischen Hauptstadt entdecken lassen.

          Nachdenklich und tiefsinnig blickt er drein. Ein Mann mit weißem, lockigem Haar, den Kopf auf die linke Hand abgestützt, sitzt gelassen in seinem Stuhl, neben ihm ein Manuskript. Eine leichte Stirnfalte ziert sein Gesicht. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem grübelnden Ausdruck? Der ehemalige Pastor, der die Schweiz 1764 hinter sich ließ, um in London seinem Traum einer künstlerisch-literarischen Karriere nachzugehen, heißt Füssli. Seine Ambitionen, ins Schriftstellertum aufgenommen zu werden, scheitern früh, dafür genießt er in der Kunst bereits zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung.

          Ohne je eine Kunstschule zu besuchen, entwickelt Füssli autodidaktisch seinen spektakulären, ganz eigenen Stil, der viele Menschen verschreckt und gleichzeitig fesselt. Zwischen Romantik und Klassizismus, wird man später sagen. Die Inspiration nimmt der nun in London lebende junge Mann aus den zahlreichen Besuchen des Covent Garden und des Theatre Royal Drury Lane. Auf seinen Leinwänden eingefangen, pausieren die entscheidenden Szenen der bekanntesten Theaterstücke und stehen für einen Moment lang still. Gestik und Mimik der Charaktere sprühen vor Leidenschaft, fangen genau die Augenblicke ein, in denen sich Schicksale entscheiden und Geschichten am Scheideweg zwischen Tragödie und Komödie stehen.

          Im eigenen Stil neu justiert

          Ein fliegender, teuflisch blickender Robin Goodfellow im Sommernachtstraum, der dem Feenkönig Oberon als gewitzter Gehilfe zur Seite steht. Der erschrocken bleiche Hamlet, Thronfolger von Dänemark, wie er durch den Geist seines verstorbenen Vaters an sein Racheschicksal erinnert wird. Die Todesszene, in der Romeo sich verzweifelt über seine Geliebte neigt, bevor er sich anschließend selbst erdolcht. Das starke Licht- und Schattenspiel verstärkt darüber hinaus die Dramatik der Szenerie in allen Gemälden. Doch besonders interessiert sich Füssli für die Tragödie des Macbeth, die er bereits in jungen Jahren kennenlernte, sogar selbst ins Deutsche übersetzte. Verschiedene Szenen fesseln die Aufmerksamkeit des mittlerweile zum Mitglied und Lehrer der Royal Academy Ernannten. Er verarbeitete seine Eindrücke des vielgespielten Theaterstücks, kreiert düstere Darstellungen und interpretiert Shakespeares Dichtung bildlich.

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