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Genozid-Mahnmal in Paris : Notwendig, aber unwahrscheinlich

  • -Aktualisiert am

Kambodschas Premierminister Hun Sen erinnerte Anfang des Jahres mit weißen Tauben an den 39. Jahrestag des Friedens. Bild: EPA

Dass in Paris nun ein Mahnmal an die Opfer des Genozids in Kambodscha erinnert, hat gute Gründe. Der Initiator des Projekts, ein Überlebender der Roten Khmer, will lange fällige Debatten anstoßen.

          Eher verschämt wird in Paris am kommenden Dienstag ein Mahnmal für die Opfer des Genozids in Kambodscha eingeweiht. Es ist ein Jahrestag, aber kein runder. Am 17. April 1975 hatten Pol Pots Rote Khmer die Hauptstadt Phnom Penh erobert. Zwei Millionen Tote hat ihr Genozid gefordert. Die Initiative für die Gedenkstätte geht von einem Überlebenden aus. Buon Tan, 1967 geboren, konnte mit seiner Familie fliehen. Der Vater war später von Paris aus im Teehandel tätig. Heute führt Buon Tan die Geschäfte, er hat manchmal französische Minister bei Besuchen in Kambodscha begleitet.

          Hoffnungsträger der linken Intellektuellen

          Im Juni vergangenen Jahres wurde er als Abgeordneter von Emmanuel Macrons „République en Marche“ in die Nationalversammlung gewählt. Das Amt gab ihm die Möglichkeit, sein Projekt zu realisieren. Die Stele aus Glas in einem Park in Tans Wahlkreis ist das erste Mahnmal außerhalb von Kambodscha. Es ist hier keineswegs fehl am Platz. Pol Pot hatte als Jugendlicher jahrelang in Paris gelebt. In den siebziger Jahren gehörte er zusammen mit Mao und Che Guevara zu den Hoffnungsträgern der linken Intellektuellen: Sie schwärmten für die Kulturrevolution der Roten Garden in China und die Umerziehung der Volksmassen in Kambodscha, wo zwanzig Prozent der Bevölkerung umgebracht wurden.

          Noch während des Genozids, der vier Jahre dauerte, kam es in Paris unter dem Einfluss von Alexander Solschenizyns „Archipel GULag“ und der „Neuen Philosophen“ zur epochalen Wende: von der Revolution und Utopie zum Antitotalitarismus der Menschenrechte. Fortan stand die Verhinderung von Genoziden auf der politischen Agenda der intellektuellen Renegaten. Die neue Wahrheit wurde mit der gleichen Entschiedenheit gepredigt und motivierte die Kriege in Jugoslawien, im Irak und auch in Libyen. Zur Selbstkritik an der Komplizenschaft für die übelsten Verbrechen der Nachkriegszeit war nur der verstorbene André Glucksmann bereit. Das „Schwarzbuch der kommunistischen Verbrechen“ machte die hartnäckige Verdrängung der linken totalitären Vergangenheit deutlich.

          Buon Tan will nach der Einweihung der Stele ein Kolloquium über die Ursachen und Folgen des Genozids organisieren. Warum die notwendige Debatte noch immer unwahrscheinlich ist, weiß er seit ein paar Tagen aus eigener Erfahrung. Als Abgeordneter besuchte er die Universität Tolbiac, in der es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Antifaschisten und Rechtsextremisten gekommen war. Er wollte mit den Besatzern reden und wurde mit Zuckerwürfeln, Tomaten, Toilettenpapier zum Schweigen gebracht. Sie beleidigten ihn mit rassistischen Schmährufen und stahlen sein Tablet. „Über Phnom Penh weht die Fahne des Widerstands“, lautete am 17.April 1975 die Schlagzeile von „Libération“. Später berichtete die Zeitung von „sieben Tage Feiern für eine Befreiung“. Auch daran darf Buon Tans Mahnmal erinnern.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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