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Pariser Ausstellung: Jean Moulin : Der hohe Preis, den Rex bezahlte

Präfekt, Kunstliebhaber, Résistant: Eine Pariser Ausstellung führt durch das Leben des französischen Widerstandskämpfers Jean Moulin.

          4 Min.

          Mitte Juni 1940, die französischen Armeen sind bereits geschlagen, marschieren deutsche Truppen in Chartres ein. Nur einige hundert Bewohner sind zurückgeblieben, alle anderen so wie Hunderttausende Franzosen auf der Flucht. Wehrmachtsoffiziere verlangen von dem in der Stadt amtierenden Präfekten die Unterschrift unter eine Verlautbarung, nach der senegalesische Kolonialtruppen Massaker an Frauen und Kindern begangen haben.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Präfekt Jean Moulin verweigert die Unterzeichnung, wird zusammengeschlagen und eingesperrt. Nicht sicher, den Pressionen standzuhalten, unternimmt er mit einer Glasscherbe einen Selbstmordversuch. Er überlebt, und die deutschen Offiziere bemühen sich tags darauf, die Vorgänge als Missverständnis zu entschärfen.

          Unter den Ereignissen der debâcle hätte dieses wahrscheinlich keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen - wäre Jean Moulin nicht später zu einer zentralen Figur des französischen Widerstands und der Vorbereitung der französischen Nachkriegsordnung geworden. Obwohl vorerst noch nichts diesen Weg ahnen ließ, der drei Jahre später mit dem Tod in den Händen des deutschen Sicherheitsdiensts enden sollte.

          Politische Erfahrungen

          Jean Moulin hörte de Gaulles Appell vom 18. Juni nicht, blieb im Amt, vollzog widerwillig die Verordnungen der Regierung in Vichy. Erst bei der zweiten Welle der Neubesetzungen der Präfekturen im November 1940 wurde er abgelöst: So schwer war in Vichy nicht zu erraten, was ein deutlich links stehender Republikaner wie Jean Moulin von Pétains nationaler Revolution hielt.

          Hinter ihm lag damals eine glatt verlaufene Karriere in der höheren Verwaltung, die ihn 1939 mit vierzig Jahren zum jüngsten Präfekten der Republik gemacht hatte. Man kann sie in einer kleinen Ausstellung, die das Pariser Musée Jean Moulin zum siebzigsten Todestag präsentiert, zum Teil anhand neu zugänglich gewordener Dokumente aus dem Besitz der Familie verfolgen.

          Der Erste Weltkrieg hatte den in Südfrankreich Aufgewachsenen verschont. Er wurde noch einberufen, kam aber nicht mehr zum Kampfeinsatz. Sein Jurastudium hatte er damals schon begonnen, die Neigung zur Kunst musste zurückstehen. Der Zeichner, der mit „Romanin“ signierte und gern im humoristischen Genre arbeitete, sollte aber die Karriere im Staatsdienst begleiten.

          Ein Treffen in London

          Dass diese Laufbahn nicht ganz auf der Verwaltungsschiene blieb, verdankte sich vor allem Pierre Cot, dem wenig älteren sozialistischen Politiker, der Jean Moulin von 1932 an mehrmals nach Paris in Ministerialstäbe holte, wo er mit der zunehmenden Polarisierung der politischen Landschaft vertraut wurde – und an der verdeckten Unterstützung der spanischen Republikaner mitarbeitete. Was Fraktionskämpfe innerhalb einer Widerstandbewegung bedeuten, könnte ihm ihr Beispiel demonstriert zu haben.

          Und dann, im November 1940, der Weg in den Untergrund. Er knüpft Verbindungen zu den verschiedenen Résistance-Gruppen im Süden, nutzt alte Bekanntschaften. Als er im Oktober 1941 in London eintrifft, sind de Gaulle und sein Stab beeindruckt von seinen Kenntnissen der Lage. Jean Moulin bekommt Mittel und die Mission, die Résistance-Bewegungen zur Kooperation zu bringen für den Aufbau der Armée Secrète (AS), die nach der Landung der Alliierten ihren Teil bei der Befreiung Frankreichs leisten soll.

          Das „Drama von Caluire“

          Dass Jean Moulin schon damals in der Einigung auf de Gaulle die einzige Option sah, kann man kaum annehmen. Aber bei der Umsetzung seiner Mission fällt die Entscheidung, und ab März 1943 ist er der bevollmächtigte Repräsentant des Generals, damit beauftragt, die Résistance-Gruppen sowie die wichtigsten politischen Bewegungen - Gewerkschaften eingeschlossen - zum übergreifenden Conseil National de la Résistance (CNR) zusammenzuschließen und auf de Gaulle einzuschwören.

          Mit Diplomatie und Druck gegenüber den auf ihrer Eigenständigkeit beharrenden und de Gaulle misstrauenden großen Widerstandsgruppen kommt Jean Moulin alias Rex alias Max zum Ziel. Gegen Ende Mai ist der CNR etabliert und General Delestraint als Chef der Armée Secrète durchgesetzt - der wenige Tage später in Paris der Gestapo in die Hände fällt. Rex ahnt, dass die einzelnen Gruppen, insbesondere Combat, nun wieder die Einigung in Frage stellen werden, und beruft sofort ein weiteres Treffen ein, auf dem eine neu Führung der Armée Secrète bestätigt werden soll. Es findet am 21. Juni 1943 in Caluire, einem Vorort von Lyon, statt - wo Klaus Barbie und seinen Leuten vom Sicherheitsdienst der Zugriff gelingt.

          Ein Galerist in Nizza

          Das „Drama von Caluire“ hat Frankreich lange beschäftigt. Olivier Wieviorka hat in seiner gerade erschienenen „Histoire de la Résistance“ noch einmal resümiert, was sich verbindlich sagen lässt: dass zwei Mitglieder der Gruppierung Combat elementare Standards der Untergrundarbeit verletzten, indem sie einen ihrer Kader, der zuvor von den Deutschen verhaftet worden und also unbedingt unter Quarantäne zu stellen war, eigenmächtig und ohne Vorwarnung zu dem Treffen bestellten. Ob damit der Weg für einen Verrat gebahnt worden war oder die Leute von Klaus Barbie bloß ihrem Mann folgen mussten, wurde nie geklärt.

          Jean Moulin starb knapp drei Wochen später, vermutlich an den Folgen der Folter, bei der Überstellung nach Deutschland - ohne etwas preisgegeben zu haben. Die Ausstellung wirft nur einen kurzen Blick auf seinen Nachruhm - nicht so sehr als Mann des Generals, sondern als Held des Widerstands schlechthin -, der 1964 in der Überführung ins Panthéon gipfelte, bei der André Malraux im Beisein de Gaulles seine berühmte Totenrede hielt. Aber sie führt zuvor noch einmal eine spät angenommene Identität Jean Moulins vor Augen, die des Kunsthändlers in Nizza, dessen Galerie „Romanin“ drei Tage vor seinem zweiten Flug nach London eröffnet wurde. Es war eine gut gewählte Tarnexistenz und zugleich Ausdruck seiner ungefälschten Passion für die Malerei. Er besuchte Tal Coat in Aix, Bonnard in Cannet und machte sogar noch Galerierundgänge, als die heftigsten Auseinandersetzungen um den CNR anstanden.

          Neben Bildern, Programmen und Einladungen zu Vernissagen stößt man in der Ausstellung auch auf das Exemplar einer „Geschichte der zeitgenössischen Kunst“: Jean Moulin schenkte es am Abend nach der Gründung des CNR seinem jungen Adjutanten Daniel Cordier - der in den fünfziger und sechziger Jahren, bevor er sich an seine minutiös recherchierte Biographie Jean Moulins machte, ein wichtiger Galerist und Sammler für zeitgenössische Kunst in Paris werden sollte (samt einer Dependance in Frankfurt). Und auch diese kleine Facette gehört zur Wirkungsgeschichte Jean Moulins.

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