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Wahltag in Frankreich : Zwischen Islamismus und Front National

  • -Aktualisiert am

Touristen unter dem Eiffelturm Bild: dpa

Die Menschen in Paris haben immer noch Angst. Zugleich versuchen sie, endlich wieder normal zu leben. Und jetzt steht auch noch der Front National vor der Tür – vom 11. Arrondissement aus betrachtet die nächste Katastrophe.

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          Wer in diesen eiskalten Dezembertagen nach Paris kommt, der wird vielleicht nicht sofort sehen, dass die Stadt und das ganze Land mit ihren inneren Wunden kämpfen. Denn wo man noch vor zwei Wochen berichten konnte: leere Straßen, leere Cafés, leere Konzerthäuser, nichts als Leere – da hat die Hauptstadt seit etwas mehr als einer Woche zur scheinbaren Normalität zurückgefunden: Die Cafés und die in letzter Zeit so viel beschworenen Terrassen, auf denen wir angeblich als die Jean Moulins des 21.Jahrhunderts unseren Widerstand leisten, sind wieder voll. In den Restaurants gibt es Weihnachtsfeiern, Menschen laufen mit prall gefüllten Einkaufstüten durch die Gegend, die Straßen sind belebt. Der Pariser Alltag rollt weiter, und doch ist nichts wie davor.

          Am vergangenen Sonntag wurde der Front National in sechs der dreizehn Großregionen zur stärksten Partei gewählt, im hohen Norden (Nord-Pas-de-Calais, Picardie) stand Marine Le Pen mit mehr als vierzig Prozent weit vor den Republikanern und noch weiter vor den Sozialisten; ihre Nichte Marion kam in der Region Provence Alpes Côte d’Azur ebenfalls auf mehr als vierzig Prozent. Ein Sieg, der in Paris fast wie ein zweiter Anschlag, eine riesengroße Ohrfeige empfangen wurde. Im Fernsehen sah man Frauen weinen, der Schauspieler Dany Boon, Erfinder der „Sch’tis“, appellierte öffentlich an seine Heimatregion, den Norden, sich nicht vom Front National täuschen zu lassen. Selten hat eine erste Regionalwahlrunde, die ja noch nicht einmal entscheidend ist, für so heftige Emotionen gesorgt. Die Zeitungen „L’Humanité“ und „Le Figaro“, sonst nicht für ihre Einstimmigkeit bekannt, titelten am Montagmorgen im gleichen Ton: „Le Choc“, der Schock; während „Libération“ und „Le Parisien“ die Le Pens fast schon im klassischen Kriegsjargon wie einen nicht mehr aufzuhaltenden feindlichen Vormarsch beschrieben: „Ça se rapproche“, es kommt näher, schrieb „Libération“, „Le Parisien“ sah die Le Pens schon an den Toren der Macht: „Le FN aux Portes du Pouvoir“.

          Frankreich : Front National greift bei Regionalwahl nach der Macht

          Und auch wenn diese erste Wahlrunde letzten Umfragen zufolge nicht mit dem Endergebnis übereinstimmen wird, sagt es natürlich viel über die Stimmung im Land. Frankreich hat Angst, und es ist ratlos. Es hat Angst vor dem Terror, der, wie wir seit dem 13.November wissen, jeden Einzelnen in jedem noch so banalen Moment seines Alltags treffen kann (eine Umfrage hat gerade ergeben, dass sieben Millionen Menschen indirekt mit einem Opfer bekannt waren). Und jetzt auch die Angst vor der „vague bleu marine“, vor der marineblauen Welle, die am vergangenen Sonntag über Frankreich gerollt ist. Die Tatsache, dass derartig viele Menschen für den Front National und derartig wenige überhaupt gewählt haben, zeugt weniger von einer rechtsextremen Gesinnung, es ist eher Ausdruck einer großen Hilflosigkeit, einer Entmutigung und zugleich einer Wut: Warum nicht einmal Le Pen ausprobieren, schlimmer, als es ist, kann es ja kaum werden.

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