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Papstbesuch : Was es heißt, ein gläubiger Mensch zu sein

Benedikt XII. macht oft den Eindruck, als wolle er die Debatte über den Reformbedarf seiner Kirche mit der „Gottesfrage“ beantworten. Wer von dieser Frage berührt ist, erwartet etwas von seinem Deutschlandbesuch.

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          Rosi Mittermaier-Neureuther und Steffi Nerius machen einen guten Job. Sie sind Nationale Botschafterinnen für Sport, Toleranz und Fair Play, berufen vom für Sportpolitik zuständigen Ministerium des Inneren. Die Sportpolitik, ihre Apparate und Funktionärsrunden, stehen nicht zur Disposition, wenn man festhält: Man braucht sich nicht für Sportpolitik zu interessieren, um drei mal die Woche mit Hanteln zu trainieren, zu joggen oder im Handballverein zu spielen. Um, mit anderen Worten, sagen zu können: Ich bin ein sportlicher Mensch.

          Anders liegen die Dinge, wenn ein Katholik sagt: Ich bin ein gläubiger Mensch. Dann meint man zu verstehen: Da ist ein Mensch, der sich für Kirchenpolitik interessiert. Er interessiert sich für die Rolle der Frau in der apostolischen Sukzession. Für Toleranz mit Andersgläubigen. Für praktizierte Homosexualität. Für die Häresie der Formlosigkeit (abmontierte Kommunionbänke und anderes). Für die Fraktionsbildungen im deutschen Bischofskollegium. Für Relativismus. Für die Stimmenverhältnisse im Konklave, das Joseph Ratzinger zum Papst wählte. Fürs Zölibat. Für die Piusbrüder. Ein gläubiger Mensch muss dieser Lesart zufolge viele Dinge auf einmal im Kopf haben. Er muss sich zu all diesen Dingen differenzierte Meinungen bilden, sie zueinander in ein stimmiges Verhältnis setzen, und das Mobile seiner religiösen Anschauungen sodann als Botschafter des Glaubens öffentlich vorführen, ob gelegen oder ungelegen.

          Wenn Glauben eine derart anstrengende Sache ist, liegt es nahe, vom Glauben abzufallen. Wie kommt der „Spiegel“ in seinem aktuellen Titel aber darauf, dass es der Papst sei, der „die Deutschen vom Glauben abfallen“ lässt? Man kann Benedikt ein kirchenpolitisches Ablenkungsmanöver vorhalten, wenn es bisweilen so aussieht, als wolle er den Reformbedarf seiner Kirche mit der „Gottesfrage“ beantworten. Auch mag auf den Papstphilosophen bedingt zutreffen, was Siegfried Kracauer in seinem Essay „Katholizismus und Relativismus“ über den Philosophen Max Scheler schrieb: dass er die vom katholischen Standpunkt „gewonnenen Einsichten für Wesensnotwendigkeiten ausgibt und auf diese dann wiederum den Katholizismus gründet“. Aber das ändert nichts daran, dass Benedikt, wo er hinkommt, über Gott spricht und darüber, was es heißt, ein gläubiger Mensch zu sein. Leute, die ihren Glauben nicht in Kirchenpolitik setzen, aber von der Frage berührt sind, ob Gott existiert oder nur ein „Schleichweg der Schwäche“ (Kracauer) ist – sie erwarten etwas vom Deutschlandbesuch des Papstes.

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