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Der Papst zur Schuldfrage : Gegen den Empirismus

Relativismus von oben: Papst Franziskus Bild: dpa

Papst Franziskus macht in dem Brief, mit dem er den Rücktritt des Münchner Erzbischofs ablehnte, merkwürdige Aussagen zur Methodik der Schuldermittlung in der Missbrauchskrise.

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          Und so endet Edgar Allen Poes Erzählung „Das verräterische Herz“ mit einer Selbstbezichtigung des Mörders, der mit zwei ahnungslosen Polizisten am Tatort sitzt, gleich über den Dielen, unter denen die Leiche liegt. Ohne Not – der Verdacht gegen ihn hatte sich gerade zerstreut – bricht es aus ihm heraus: „Schurken! Verstellt euch nicht länger! Ich gestehe die Tat! Reißt die Dielen auf! Hier! Hier! Es ist das grauenhafte Klopfen seines Herzens.“ Der Täter, immer dräuender das vermeintliche Herzklopfen des Toten im Ohr, überführt sich selbst, indem er den Ermittlern die Leiche zeigt. Denkt er doch, die Polizisten würden das eingebildete Geräusch auch hören und sich nur taub stellen. Poe inszeniert die Entäußerung des Täters im Herzklopfen seines Opfers. Die Verleugnung der persönlichen Schuld trägt nicht durch. Sie entlädt sich in einer Übersprungshandlung.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Hier, im Unheimlichwerden einer isolierte Klopfsignale sendenden Welt, liegt die poetische Essenz der akademischen -ismen. So geht Soziologismus. So geht Psychologismus. So geht Biologismus. Kampfbegriffe aus dem neunzehnten Jahrhundert, die immer dann aufgerufen werden, wenn es den vermeintlich uneinholbaren Reichtum des Geistigen gegen methodische Zugriffe zu verteidigen gilt, gegen wissenschaftliche Vereinseitigung in ihrer Seinsvergessenheit.

          Kulturkritische Topoi

          Der Papst übernahm jetzt diese polemische Routine, als er in einem Brief an Reinhard Kardinal Marx dessen Rücktrittsangebot als Erzbischof von München und Freising ablehnte. Im Blick auf die Aufarbeitung der Missbrauchskrise schreibt Franziskus: „Soziologismen und Psychologismen helfen da nicht.“ Nun sind Soziologismen und Psychologismen selbst ideologische Kunstprodukte im Kampf gegen die Fachdisziplinen, gegen die sie sich wenden. In der Tat helfen diese kulturkritischen Topoi nicht, die Wirklichkeit zu erhellen. Denn Soziologismen und Psychologismen sind methodische Antibegriffe, die jeder für sich weder mit dem soziologischen noch mit dem psychologischen Zugriff identifiziert werden können. Sie bezeichnen im Gegenteil die Verkehrung dieser Wissenschaften in Pseudowissenschaften, ziehen sich also als Fachkritik gewissermaßen selbst aus dem Verkehr.

          Tatsächlich geht es im Fortgang des päpstlichen Briefes darum, die soziologische und psychologische Methodik als solche herabzusetzen, nicht erst deren pervertierende Übersteigerungen in irgendwelchen -ismen. Das sieht man daran, welchen Rang der Papst empirischen Untersuchungen einräumt, wenn es um die Schuldfrage im Umgang mit Missbrauchsfällen geht. Dieser Rang ist kein hoher, sondern ein niedriger, nachgerade nichtiger. „Es sind nicht die Untersuchungen, die uns retten werden“, schreibt Franziskus, wobei Rettung hier im Sinne von religiöser Erlösung gemeint ist – und die steht bei den möglichen empirischen Ermittlungen ja auch gar nicht zur Debatte. Zur Debatte steht, nach welchem Maßstab sich der persönliche Verantwortungsbegriff zu bemessen hat. Und hier gibt der Papst zu erkennen, dass für ihn die Empirik der Schuldfrage hinter deren Spiritualisierung zurückzustehen hat.

          Wer hat was getan?

          Nur so erklärt sich, dass Kardinal Marx vorbehaltlos einen päpstlichen Freibrief erhält, obwohl es Hinweise auf (von Marx selbst schon eingeräumtes) Fehlverhalten als Bischof von Trier gibt und obwohl die laufenden Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind, die sich auf sein Wirken im Erzbistum München und Freising beziehen. Trotz rhetorischer Beschwörung der Konkretheit von Wirklichkeit – man möge sein „Fleisch auf den Grill“ legen, fällt dem Papst zu sagen ein – soll es nicht weiter ins Gewicht fallen, wofür genau ein Kirchenverantwortlicher gegrillt zu werden verdient. Die empirische Ebene, von vorneherein unter Soziologismus- und Psychologismusverdacht gestellt, gerät in dem Papstbrief im Wesentlichen als Anlass für geistliche Überhöhung in den Blick. Selbst die kirchliche „Mea culpa“-Formel erscheint hier abgelöst von den Gedanken, Worten und Werken, auf die sie sich im liturgischen Schuldbekenntnis bezieht – dort in einem soziologie- und psychologienahen Sinne, wenn man so will, sofern es um die faktische, empirisch (in der Gewissenserforschung) zu ermittelnde Basis persönlicher Schuld geht.

          Der Papst entpersönlicht das „Mea culpa“, wenn er schreibt: „Das Mea culpa angesichts so vieler Fehler in der Vergangenheit haben wir schon mehr als einmal ausgesprochen, in vielen Situationen, auch wenn wir persönlich an dieser historischen Phase nicht beteiligt waren.“ Das ist die Rückführung des Schuldeingeständnisses auf die theatralische Geste, Verantwortung zu übernehmen (etwa durch Rücktrittsangebote) und die persönliche Befundaufnahme gleichzeitig obsolet zu machen. Päpstlicher Kulturrelativismus klingt so: „Es stimmt, dass die geschichtlichen Vorkommnisse mit der Hermeneutik jener Zeit bewertet werden müssen, in der sie geschehen sind.“ Gleichwohl müsse man Verantwortung übernehmen. Wird hier das Ideologem der schuldlosen Schuld als Methodik des Theologismus gelehrt? Es klopft verdächtig unter der Diele.

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