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: Panzer im Körbchen

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Als sie Deutschland 2007 auf der Biennale in Venedig vertrat, konnte man erwarten, dass nun auch sie, die beharrlich Unangepasste, zum kompatiblen Markennamen werden würde. Zu diesem Zeitpunkt dauerte der mächtig-schöpferische Einsatz ...

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          Als sie Deutschland 2007 auf der Biennale in Venedig vertrat, konnte man erwarten, dass nun auch sie, die beharrlich Unangepasste, zum kompatiblen Markennamen werden würde. Zu diesem Zeitpunkt dauerte der mächtig-schöpferische Einsatz von Isa Genzken schon mehr als dreißig Jahre an: Bekannt war sie unter anderem von der Documenta 1982 und 1992, ihrer Retrospektive in der Kunsthalle Zürich 2003. Doch noch immer agiert sie autark und eigensinnig. Und so werden gerne die Legenden erzählt, die sich um diese von der Kunst so besessene Frau entsponnen haben: Sie soll zum Beispiel 1984 eineinhalb Wochen vor der Tür des Büros von Kasper König in Köln kampiert haben, weil dieser sie nicht in seine Schau "von hier aus" aufnehmen wollte. Ambitioniert darf man sie nennen. Eine Eigenschaft, die auch für ihre Werke gilt: Sie sind nicht von leichter Hand geschaffen, sondern sind Ergebnisse komplexer Denkbilder. In Venedig umgab sie den Deutschen Pavillon außen mit einem Baugerüst und roten Planen und nannte ihre Installation aus Rollkoffern, Fotografien, Puppen und vielem mehr "Oil". Die Verhüllung sollte dem nationalsozialistischen Bau die Macht nehmen, den Besuchern einen Schrecken einzujagen; ihre Installation im Innern des Gebäudes aber strotzte vor gesellschaftspolitischen Querverweisen.

          Damals in Köln 1984 war sie bereits sechsunddreißig Jahre alt: Genzken hatte ihr Studium der Malerei an der Hochschule in Hamburg abgeschlossen, dann Fotografie und Grafik in Berlin studiert und schließlich noch die Kunstakademie in Düsseldorf besucht und war seit zwei Jahren mit dem Maler Gerhard Richter verheiratet; 1993 wurde die Ehe jedoch geschieden. Als sie 1977 ihr Studium abgeschlossen hatte, waren Minimalismus und Konzeptkunst auf ihrem Höhepunkt. Ihre formsensiblen Skulpturen aus Glas, Beton und Gips orientierten sich noch an diesen Vorbildern. Sie beschäftigen sich mit den Körpern - mit einem Innen und Außen. In der Folge entstanden mit Holz, Metall, Glas oder Fotos überzogene Stelen, die an Hochhäuser erinnern. Ihr Werk sollte niemals homogen sein: 1993 schuf sie beispielsweise eine realistische, acht Meter hohe rote Rose aus Stahl.

          Doch dann kam ihre Absage an jede formale und mediale Einschränkung: Isa Genzken begann mit ihren fast theatralischen Objet-trouvé-Skulpturen. Von nun an spielten die Auswahl und die Kombination ihrer Materialien die zentrale Rolle: Krücken, zerfetzte Schirme, farbverschmierte Rollstühle, Spitzendeckchen, Spiegelstücke, zerfledderte Sonnenschirme und auch schon mal ein künstlicher Apfelbaumzweig. So kennt man sie heute. Da trägt auch schon mal eine Puppe einen Panzer im Körbchen. Die Geschichtenensembles mit ihren manchmal poetischen ("Jeder Mensch braucht mindestens ein Fenster"), dann wütenden Titeln ("Fuck the Bauhaus") glitzern trügerisch. Isa Genzken scannt ihre Umgebung ab und zeigt uns, was sie dort sieht. Hoffentlich reicht dieser kraftvolle Antrieb noch sehr lange für ihre Erfindungen, die den Betrachter immer unerbittlich damit konfrontieren, was Gesellschaft aktuell bedeutet. Heute wird Isa Genzken sechzig Jahre alt. SWANTJE KARICH

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