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Auf der re:publica: die Schriftstellerin und Datensicherheits-Aktivistin Sibylle Berg Bild: dpa

Facebook löschen reicht nicht : Wir schützen uns jetzt selbst

Von außen wirkt es, als wälzten auf der re:publica ein paar Blogger großspurige Thesen im Bällebad. Das stimmt mitnichten – man muss nur den richtigen Rednern zuhören.

          Dass eine einigermaßen peinliche Auseinandersetzung mit der Bundeswehr und der Auftritt einer Frau, die als Projektionsfigur all jener dient, die den Glauben in ein funktionsfähiges Gesellschaftssystem verloren haben, die größten Aufreger der diesjährigen re:publica blieben, überraschte dann doch. Themen hätte es auf der Internetmesse genug gegeben, von den Lehren aus dem Datenskandal bei Facebook bis zu ethischen Debatten über ein Leben mit künstlicher Intelligenz, und sie wurden ja auch geführt, in den Sälen und auf den Bühnen.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was nach außen drang, hörte sich jedoch an, als verhandle in Berlin eine verschworene Gemeinschaft aus Bloggern und sogenannten Digitalnerds die Perspektiven und Unzulänglichkeiten einer Welt, die allein ihnen gehöre, während der Rest der Gesellschaft zur Arbeit ging, im Supermarkt einkaufte und mit den wahren Herausforderungen des Lebens beschäftigt war. Wütende Kommentatoren vertraten im Netz die Ansicht, dass auf dem Gelände in Kreuzberg trotz gigantischer Dimensionen sowieso nur eine politische Meinung vorherrsche, nämlich die einer linken Digitalbourgeoisie, nachdem ein Stand der Bundeswehr mit der Begründung abgelehnt wurde, dass auf der Konferenz keine Rekrutierung erwünscht sei – und das bei einer Veranstaltung, die sich Offenheit und Toleranz auf die Fahnen schreibe.

          Interessanter wäre in diesen Tagen eine öffentliche Debatte darüber gewesen, wie eine weitgehend automatisierte Welt aussehen könnte, in der die Menschen nicht die Kontrolle über die wichtigsten Prozesse verlieren, wie es Steven Hawking befürchtete, wie also ein angstfreier Leben mit künstlicher Intelligenz aussähe. Dafür hätte man den Rednern nur etwas genauer zuhören müssen. Zum Thema automatisiertes Personalmanagement etwa beschrieb Simon Hegelich, Professor für Political Data Science, wie Unternehmen die vielen Daten ihrer Mitarbeitern nutzen können, um diese unterschiedlich zu behandeln, und Katharina Simbeck von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin erklärte, was es für einen Mitarbeiter bedeutet, von einem Algorithmus falsch klassifiziert zu werden, und wie man es besser machen könnte. Noch seien nicht viele Unternehmen dazu in der Lage, aber solche Fragen stellen sich besser jetzt als später.

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          Besonders gut kamen die Algorithmen auf der re:publica auch bei den Technikaffinen nicht weg. Menschengemacht und mit den Einstellungen und Perspektiven ihrer Entwickler versehen, sei nichts an ihnen objektiv, sagt der Datenschutzexperte Dipayan Ghosh. Und sie diskriminieren. Nicht unbedingt beabsichtigt, sondern eben, wie ein System, das nicht alle Parameter kennt, diskriminieren kann: nach Geschlecht, Ethnie, nach Religion, politischer Gesinnung – wie Danah Boyd es in ihrem Eröffnungsvortrag sagte: „Der Schaden muss nicht notwendigerweise intendiert sein, und doch ist die Struktur schädlich.“

          Dipayan Ghosh, der von 2015 bis 2017 für die Datenschutzlinien bei Facebook zuständig war und zuvor die Obama-Regierung zu ihrer Technologie-Politik beriet, sprach im Rahmen der Media Convention über die Entstehung und Kontrolle von Algorithmen und die Schwierigkeiten, für die amerikanische Regierung technologische Neuerungen gegen den Widerstand der Republikaner durchzusetzen. Während seiner Zeit im Weißen Haus entwickelte er ein Cyber-Security-Konzept für die Industrie. Unter Trump, sagt Ghosh, sei seine Stelle nicht wieder neu besetzt worden. Auf die Media Convention wurde er wegen seines Reports „Digital Deceipt“ eingeladen, in dem er argumentiert, dass die Verbreitung von politischer Fehlinformation im Netz so erfolgreich ist, weil sie derselben strukturellen Logik wie die von Marketinginhalten folgt.

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          In früheren Interviews ließ der inzwischen selbständige Datenschutzexperte durchblicken, wegen Facebooks Rolle im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl die Firma verlassen zu haben. „Mit Cambridge Analytica hat Facebook großen Schaden angerichtet“, sagt Ghosh. Inwieweit Daten verarbeitet wurden und wie groß die Beeinflussung gewesen sei, spiele für diese Einschätzung gar keine Rolle mehr. Das Vertrauen in die Informationspolitik vor Wahlen und die Plattform sei nachhaltig geschädigt.  Ghosh, den die Snowden-Enthüllungen zu seiner Berufswahl motivierten, sieht die Verantwortung für mehr Transparenz bei den Regierungen. Denjenigen, die noch glaubten, sich für oder gegen ein Leben mit Algorithmen entscheiden zu können, müsse erklärt werden, dass sie in Zukunft nicht einmal mehr Schuhe kaufen könnten, ohne die Nutzungsbedingungen der Netzwelt zu akzeptieren.

          Auch sonst wurde viel über, aber wenig mit den Digitalunternehmen gesprochen. Bei einer Veranstaltung zu  politischer Werbung auf Facebook saß immerhin Semjon Rens, Public Policy Manager der Firma, während die Datenschutzaktivistin Liz Carolan von den Bemühungen ihrer „Transparent Referendum Initiative“ berichtete, vor der im Mai geplanten Volksabstimmung zum Abtreibungsverbot in Irland politische Einflussname im Netz zu verfolgen. In die Diskussion, die sich zunehmend zu einem Widerstreit der Lobbys progressiver und konservativer Institutionen ausgeweitet habe, hätten sich anonyme Accounts von jenseits des Atlantiks eingemischt, deren Identität nicht festzustellen gewesen sei.

          Rens versicherte, dass es eines der höchsten Ziele bei Facebook sei, die Beeinflussung zu kontrollieren. Die Regeln dafür zu schreiben, obliege dann den Staaten. „Wir sind da komplett offen.“ Facebook plane eine verpflichtende postalische Authentifizierung von Profilen, die politische Werbung schalten wollen. Die Werbung selbst solle in Zukunft mit einem Hinweis darauf, wer dahinter stecke, gekennzeichnet werden. Am Ende des Gesprächs machte sich das wohlige Gefühl breit, gemeinsam an einem großen Projekt zu arbeiten.

          Dass dem nicht so ist, zeigen die vielen Bürgerinitiativen, die das Transparenz-Projekt selbst in die Hand nehmen wollen und kritisieren, dass auf offizielle Ankündigungen keine Veränderungen folgen. Mit den Daten werde nun einmal Geld verdient. Am Donnerstagabend stellte sich die sogenannte „Bürgerbewegung p=p coop“ für „pretty easy privacy“, hinter der unter anderem Juli Zeh, Sibylle Berg und der Verfassungsrichter Meinhard Starostik stehen, mit den Worten vor: „Wir schützen uns jetzt selber – basta.“  Sie versprachen, dafür zu sorgen, dass Kommunikation in Zukunft mit nur einem Klick verschlüsselt werde.

          Angesichts der überraschend zahlreichen Einwände derer, die noch an Wege glauben, dem Datensammeln zu entkommen, indem sie ihren Facebook-Account löschen, kam auf der re:publica immer wieder der Wunsch zur Sprache, dass etwas aus Blase nach außen dringen möge. Auf dem Netzfest am Samstag, das kostenlos vor den Toren des Konferenzgeländes stattfindet, ist noch einmal die Chance dazu.

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