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Facebook löschen reicht nicht : Wir schützen uns jetzt selbst

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In früheren Interviews ließ der inzwischen selbständige Datenschutzexperte durchblicken, wegen Facebooks Rolle im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl die Firma verlassen zu haben. „Mit Cambridge Analytica hat Facebook großen Schaden angerichtet“, sagt Ghosh. Inwieweit Daten verarbeitet wurden und wie groß die Beeinflussung gewesen sei, spiele für diese Einschätzung gar keine Rolle mehr. Das Vertrauen in die Informationspolitik vor Wahlen und die Plattform sei nachhaltig geschädigt.  Ghosh, den die Snowden-Enthüllungen zu seiner Berufswahl motivierten, sieht die Verantwortung für mehr Transparenz bei den Regierungen. Denjenigen, die noch glaubten, sich für oder gegen ein Leben mit Algorithmen entscheiden zu können, müsse erklärt werden, dass sie in Zukunft nicht einmal mehr Schuhe kaufen könnten, ohne die Nutzungsbedingungen der Netzwelt zu akzeptieren.

Auch sonst wurde viel über, aber wenig mit den Digitalunternehmen gesprochen. Bei einer Veranstaltung zu  politischer Werbung auf Facebook saß immerhin Semjon Rens, Public Policy Manager der Firma, während die Datenschutzaktivistin Liz Carolan von den Bemühungen ihrer „Transparent Referendum Initiative“ berichtete, vor der im Mai geplanten Volksabstimmung zum Abtreibungsverbot in Irland politische Einflussname im Netz zu verfolgen. In die Diskussion, die sich zunehmend zu einem Widerstreit der Lobbys progressiver und konservativer Institutionen ausgeweitet habe, hätten sich anonyme Accounts von jenseits des Atlantiks eingemischt, deren Identität nicht festzustellen gewesen sei.

Rens versicherte, dass es eines der höchsten Ziele bei Facebook sei, die Beeinflussung zu kontrollieren. Die Regeln dafür zu schreiben, obliege dann den Staaten. „Wir sind da komplett offen.“ Facebook plane eine verpflichtende postalische Authentifizierung von Profilen, die politische Werbung schalten wollen. Die Werbung selbst solle in Zukunft mit einem Hinweis darauf, wer dahinter stecke, gekennzeichnet werden. Am Ende des Gesprächs machte sich das wohlige Gefühl breit, gemeinsam an einem großen Projekt zu arbeiten.

Dass dem nicht so ist, zeigen die vielen Bürgerinitiativen, die das Transparenz-Projekt selbst in die Hand nehmen wollen und kritisieren, dass auf offizielle Ankündigungen keine Veränderungen folgen. Mit den Daten werde nun einmal Geld verdient. Am Donnerstagabend stellte sich die sogenannte „Bürgerbewegung p=p coop“ für „pretty easy privacy“, hinter der unter anderem Juli Zeh, Sibylle Berg und der Verfassungsrichter Meinhard Starostik stehen, mit den Worten vor: „Wir schützen uns jetzt selber – basta.“  Sie versprachen, dafür zu sorgen, dass Kommunikation in Zukunft mit nur einem Klick verschlüsselt werde.

Angesichts der überraschend zahlreichen Einwände derer, die noch an Wege glauben, dem Datensammeln zu entkommen, indem sie ihren Facebook-Account löschen, kam auf der re:publica immer wieder der Wunsch zur Sprache, dass etwas aus Blase nach außen dringen möge. Auf dem Netzfest am Samstag, das kostenlos vor den Toren des Konferenzgeländes stattfindet, ist noch einmal die Chance dazu.

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