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Pandemiegefahr : Warnung vor einer Weltgrippe

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor einer Influenza-Epidemie von katastrophalem Ausmaß. In Deutschland wird das Risiko verdrängt. Die Vorbereitungen zum Schutz laufen schleppend.

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          Im Jargon der Seuchenexperten befindet sich die Menschheit seit nunmehr siebenunddreißig Jahren in einer „interpandemischen Phase“, in der Zeit zwischen zwei weltweiten Grippewellen.

          Die letzten beiden, 1957 und 1968, verliefen mit jeweils einer Million Toten weltweit „vergleichsweise harmlos“, wie es in der abgebrühten Sprache der medizinischen Fachwelt heißt. Die vorvorletzte, 1918/19, bekannt als Spanische Grippe, forderte nach neueren Untersuchungen zwischen vierzig und hundert Millionen Toten, so genau hat die Leichenzählung damals nicht funktioniert.

          Heute besteht die einmalige Chance, Vorkehrungen für die nächste Katastrophe zu treffen - was aber passiert? Was würde Karl August Lingner heute tun? Gut denkbar ist, daß er rastlos im Fernsehen aufträte, um vor der Influenza zu warnen, daß er bei Gerhard Schröder und Edmund Stoiber vorspräche bis sie die Gefahr erkannt haben.

          Lingner hat mit der bakterienfressenden Mundspülung „Odol“ ein Vermögen verdient. Der Dresdner Kaufmann, Wissenschaftsvermittler und Stifter steckte sein Geld dann aber nicht, wie viele reiche Deutsche heute, in exotische Investmentfonds oder Fernreisen. Er verschrieb sich der Popularisierung der lebensrettenden Erkenntnisse, die in Berlin unter der Regie von Robert Koch erzielt worden waren.

          Lingners Umtriebigkeit wirkt fort

          1911 holte Lingner die Internationale Hygieneausstellung nach Dresden. Sie zog fünf Millionen Menschen an, denen die Angst vor Infektionskrankheiten in den Knochen steckte. Aus der Ausstellung entstand 1912 das Deutsche Hygiene-Museum. Zugleich investierte Lingner in ein Hochtechnologie-Startup, die Sächsischen Serumwerke.

          Lingners Umtriebigkeit wirkt fort. Sein Unternehmen hat Weltkriege und Sozialismus überstanden. Es arbeitet am alten Standort, in einem verzierten Jugendstilgebäude in der Dresdner Innenstadt. Die Schreckenskrankheiten seiner Zeit sind in Deutschland rar geworden. Und das Hygiene-Museum gehört zu den Publikumsmagneten der Stadt. Eine tragische Ironie der Geschichte ist es, daß Politik und Bevölkerung ausgerechnet für das heutige Spezialgebiet der Serumwerke taub sind - mit vielleicht katastrophalen Folgen.

          Zwei Typen von Grippeviren

          Es ist schwer, sich eine weltumspannende Grippe-Epidemie vorzustellen. Spezialisten der Bundesregierung fassen das Szenario in einen Namen: „Stephen King“. Es könnte der Horror werden, mit vielen, vielleicht sogar 100 Millionen Toten. Man muß zwischen zwei Typen Grippeviren unterscheiden, sagt Walter Haas, Influenza-Fachmann am Robert-Koch-Institut der Bundesregierung.

          Es gibt die, gegen die man sich alljährlich impfen lassen kann, weil sie von der Weltgesundheitsorganisation WHO im Voraus als Gefahr erkannt worden sind. Und es gibt welche, die plötzlich auftreten, sich aggressiv ausbreiten, die Immunsysteme der Bevölkerung unvorbereitet treffen, eine tödliche Gewalt entfalten. Solche Viren entstehen sehr selten, aber immer wieder, mit beinahe naturgesetzlicher Sicherheit.

          Tote in U-Bahn-Schächten zwischengelagert

          Als die letzte große Grippe-Epidemie 1968 um die Welt ging, wurden in Berlin die Toten in U-Bahn-Schächten und Kühlhäusern zwischengelagert, weil die Leichenhäuser überfüllt waren. Im kollektiven Gedächtnis hat diese „Pandemie“ keine Spur hinterlassen. Als hätte der Erreger die Gehirnzentren für die Wahrnehmung von Unheil lahmgelegt, das nicht neuartig und schockartig auftritt, sondern wiederkehrend. An Risikodebatten besteht in Deutschland kein Mangel, gewarnt wird vor Rückständen in Eiern und der Strahlung von Mobiltelephonen.

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