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Paketbomben für Trump-Kritiker : In der virtuellen Weltkneipe

Donald Trump am 26.10.2018 auf dem Weg ins Weiße Haus Bild: EPA

Die Reaktion Donald Trumps auf die Paketbomben zeigt: Er ist kein Präsident, der twittert. Er ist ein Twitterer, der Präsident geworden ist.

          Die Paketbomben an Barack Obama, Hillary Clinton, George Soros, Robert de Niro und andere Gegner Donald Trumps wurden am 24. Oktober bekannt. Vier Tage zuvor war in der „New York Times“ ein Beitrag des Umweltaktivisten William McKibben erschienen. Darin schilderte er Erfahrungen mit den sozialen Medien. Aggressive Proteste gegen seine Klimawandelkampagnen sei er seit dreißig Jahren gewohnt. Auch Gewaltandrohungen. „Diejenigen, die Ihnen schreiben“, habe damals ein Polizist zu ihm gesagt, „sind nicht diejenigen, die auf Sie schießen.“ Er selbst habe, in der Hoffnung, es gehe nur darum, ihn einzuschüchtern, solche E-Mails gelöscht.

          Kürzlich jedoch publizierte die „Los Angeles Times“ ein Meinungsstück McKibbens, in dem er zivilen Ungehorsam gegen Umweltverschmutzung rechtfertigte. Wenige Stunden danach erschien auf der Website wattsupwiththat.com, die von Leugnern des Klimawandels betrieben wird, ein bissiger Artikel dazu. Unter den Leserkommentaren waren solche, die aufforderten, McKibben zu verprügeln, nach seiner Wohnanschrift fragten oder vorschlugen, ihn zu erschießen und zu verscharren. Kurz darauf veröffentlichte ein anonymer Leser die Wohnanschrift.

          Der wütende Reflex als Medium der Politik

          Der Betreiber der Website, Anthony Watts, erfuhr erst durch McKibbens Bericht davon. Er schrieb ihm, bedauerte den Vorgang, löschte die Wohnadresse, kommentierte die Gewaltandrohungen und sperrte deren Absender. Auf seine Frage an McKibben, weshalb dieser sich nicht direkt an ihn gewendet habe, erhielt er keine Antwort. Nach seinem „mea culpa“ konnte sich Watts allerdings ein „tu quoque“ („selber so“) nicht verkneifen und listete eine Reihe von Lynchaufrufen, Mordphantasien und Gefängnisandrohungen auf, die gegen Klimaskeptiker und Unterstützer Trumps ausgestoßen worden seien.

          Die sozialen Medien sind mit einer Kneipe verglichen worden. Gottfried Kellers „Mit Schwätzern trinke ich nicht“ gilt in ihr allerdings wenig. Denn das Geschwätz ist selbst das Getränk, an dem sich viele berauschen. Ein undurchdachtes Wort gibt das andere, der Lärmpegel steigt an, also wird man noch lauter, die Leute glauben, noch spätnachts und überhaupt immer und sofort etwas Sinnvolles sagen zu können. So weit, so harmlos.

          Doch viele besaufen sich auch am Anprangern, Herabsetzen und an Verachtung. Sie halten Feindschaft als solche für Politik. Auch der inzwischen festgenommene Anhänger Trumps, der die Bomben verschickt haben soll, hatte sich in der virtuellen Weltkneipe ausgetobt. Trump selbst fiel nach Bekanntwerden der Attentatsversuche ein, die „Mainstream-Medien“ trügen an solchem Zorn mit Schuld. Weil sie so oft schlecht und hasserfüllt über ihn, Trump, schrieben und sendeten. Er hatte seinerseits Empfänger der Bombenpakete in seinen Tweets als „Lügen-Maschine“, „Individuum mit sehr geringem IQ“ oder „neurotisch“ bezeichnet und stellte jetzt in Aussicht, seine Rhetorik noch zu verschärfen.

          Trump ist kein Präsident, der twittert. Er ist ein Twitterer, der Präsident geworden ist. Berechtigte Wut erscheint ihm nicht nur als eine hinreichende Erklärung für unberechtigte Mordversuche. Der wütende Reflex ist für ihn das Medium der Politik. Das macht ihn zum Symptom. Denn noch nie sind so viele Varianten gegenseitiger Verachtung so öffentlich geworden. Merkelhasser, Trumphasser und Claudia-Roth-Hasser, militante Tierschützer, gewaltbereite Antikapitalisten, Misogyne, Antisemiten und so weiter – die Gegenstände der Verachtung sind zu divers, als dass der Hass allein an ihnen liegen könnte.

          Das Verachtenkönnen selbst scheint genossen zu werden, der Pranger des Hohns und die kommunikative Fuchsjagd. Wie viele Einträge hätte wohl ein Hashtag derjenigen, denen schon einmal per Twitter physische Gewalt angedroht worden ist? Den Artikel William McKibbens setzte die „New York Times“ unter die Überschrift „Lasst uns vereinbaren, einander nicht zu töten“. Das aber ist im Strafrecht ja schon vereinbart. Mit Verachtung vorsichtig umzugehen, wäre die Forderung.

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