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Päpstliches Lehrschreiben : Kann denn Liebe Sünde sein?

Warum gibt der Papst Sündenfreiheit?

Einem Missverständnis ist vorzubeugen. Hier geht es nicht um irgendein ehrpussliges Einklagen der Expertise durch die Experten. Hier geht es um die Standards der argumentativen Klarheit in der autoritativen Lehrverkündigung. Wenn solcher Anspruch auf Klarheit in höchster Instanz aufgegeben wird, und sei es in einem Pastoralschreiben wie „Amoris laetitia“, ist das Chaos programmiert: „Liebe, und mach, was du willst“ - diese Parole des Augustinus will definiert sein. Wird ihr theologischer Gehalt nicht präzise bestimmt, sonder wie vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn schwärmerisch besungen, so kommt sie dem faktischen Verlust des Sündenbegriffs entgegen, seiner psychologischen, bis zur Unkenntlichkeit reichenden Relativierung. Damit wäre nicht nur eine kulturgeschichtlich einflussreiche Denkfigur mit einem Federstrich gelöscht. Was etwa wäre Georges Batailles Lob der erotischen Übertretung ohne den starken Sündenbegriff? Was müsste ohne die wirkmächtig inszenierte Sünde in der Kunstgeschichte unverstanden bleiben? Und wie wäre es ohne Verbotsidee um den erotischen Kitzel überhaupt bestellt? Wenn es die Theologen schon nicht schaffen, sollten die Sexualwissenschaftler dem Papst die Schleifung der Verbote ausreden (mit einem Argument aus der Lebenswirklichkeit: wahre Lust arbeitet sich am Über-Ich ab).

Warum hält der Papst nicht am strikten Sündenbegriff fest - und gibt Sündenfreiheit? Der päpstliche Paternalismus vereinnahmt auch jene als Menschen, die es zu „begleiten“ gilt, welche auf klerikalen Eskort gar keinen Wert legen. Freilich, und hier wird es bitter, hätten auch die Märtyrer der Geschichte bei einem päpstlich demolierten Sündenbegriff das Nachsehen. Denn werden nicht sie, diverse Märtyrer, durch die Stilisierung der Gebote zu „Idealen“ hoch über der „Lebenswirklichkeit“ (Franziskus) wenn nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, so doch als unverbesserliche Skrupulanten hingestellt? Sind sie im Lichte einer psychologistisch entkernten kirchlichen Normentheorie im historischen Rückblick womöglich umsonst gestorben? Haben sie den Verpflichtungscharakter der Gebote schlicht überschätzt, wie sie den Entlastungseffekt ihrer eigenen widrigen Lebensumstände, ihrer „Situation“ (Franziskus) unterschätzten? Hat es ihnen, anders gesagt, bloß an Unterscheidungsvermögen gefehlt, an der pastoralen Einsicht nämlich, wonach es in Fragen von Gut und Böse nun mal keine „auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung“ etc. (Franziskus) gebe?

Zwischen vage und autorität

Wenn in diesem Stil von „etc.“ - ob in rechtlichen oder pastoralen Texten - dann tatsächlich mal eben die überkommene Sakramentenordnung revolutioniert wird, wie sich aus „Amoris laetitia“ herauslesen lässt und von entsprechenden Deutungen festgehalten wird, dann entbrennt in den Episkopaten und theologischen Lehrstühlen der Weltkirche genau jene aktuelle, mit schismatischem Sound geführte Kontroverse, deren Positionen entgegengesetzter nicht denkbar sind. Was wiederum durch den Schwebe-Charakter eben auch des Textes „Amoris laetitia“ vorgegeben scheint. Dessen Stil vermeidet beinahe schon programmatisch Klarheit und semantische Festlegungen, als lägen die konträren Deutungen, die der Text zulässt, geradezu in der Absicht des Verfassers. Umso erstaunlicher dann der autoritäre Schnitt, insofern der Papst auf verwirrte Nachfragen, wie die Dinge denn jetzt genau gemeint seien, dann doch einen Master-Deuter lizenziert, hier eben den Wiener Kardinal, dessen wiederum eher gefühlige Interpretation die vom Text her möglichen anderen Interpretationen letztverbindlich aus dem Felde schlagen soll.

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